Aufsätze 

Das Kloster Allerheiligen und der Wein


Kurzvortrag anlässlich der Weinprobe im Kreuzgang


Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren!

Ich habe die Ehre, in wenigen Minuten über ein Thema zu reden, das eigentlich Titel einer Dissertation sein könnte: Das Kloster Allerheiligen und der Wein. Meine Aufgabe ist es aber lediglich, den Bezug zwischen Ort und Zweck dieser Veranstaltung ein bisschen herzustellen: Wenn wir uns hier in diesen heiligen Hallen treffen zur Weinprobe, so macht das nämlich durchaus Sinn, und zeigt, dass sich die Veranstalter mit der Wahl dieses Ortes etwas gedacht haben.

Seit wann es Reben in unserer Gegend gibt, wissen wir nicht. Das früheste Zeugnis aus unserer Umgebung stammt aus dem Jahre 720: Damals erhielt das Kloster St. Gallen als Geschenk einen Rebberg zu Ebringen im Hegau. Ohne Klöster hätte der Weinbau in unserer Gegend nie diese Bedeutung erlangt, die sie bis ins letzte Jahrhundert noch hatte. Bei der Gründung unseres Klosters 1054 war Grund und Boden im Besitze des berühmten Grafen Eberhard von Nellenburg, der unter diesem Platz, wo wir heute stehen, seine letzte Ruhe fand. Um sein Seelenheil zu retten, stattete er das Kloster mit seinem Besitz aus. Die Mönche und Äbte notierten diese Schenkungen in sogenannten Güterbeschrieben. Interessant ist, dass im ersten Güterbeschrieb von Allerheiligen 9 Bierschenken aber nur zwei Weinschenken erwähnt sind. Es scheint, dass Bier, zu dieser Zeit noch als Getränk im Vordergrund gestanden ist. Dies sollte sich rasch ändern.

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Es waren nämlich die Mönche, die das Erbe der Römer aus der Vergessenheit holten: Brot und Wein waren ja für liturgische Zwecke unbedingt notwendig. Beim Abschreiben der antiken Schriften stiessen sie auf die römischen Schriftsteller Vergil und Plinius, die Anweisungen zur Pflege der Rebe und zum Keltern des Weines gegeben haben. Durch das Kloster fand der Weinbau bei uns erst seine Verbreitung.

Der Klosterbesitz war gross und unübersichtlich. 1105 schenkte Burkard von Nellenburg dem Kloster Allerheiligen zwei Weinberge in Malans und Maienfeld. In der Urkunde 1145, in der König Konrad III. dem Kloster Allerheiligen alle Rechte bestätigt, werden erstmals hiesige Rebberge genannt. Wo diese Rebberge lagen, können wir nur vermuten: wahrscheinlich der Heerenberg den unser Chronist Rüeger als den ältesten Weinberg Schaffhausens bezeichnet. Der Name deutet jetzt noch darauf hin: Mit Herr wurde ursprünglich nur ein Geistlicher angeredet.

Dass die Geistlichkeit den Wein nicht nur für sakrale Handlungen sondern auch als Getränk zu schätzen wusste, ist für Sie, meine Damen und Herren, wohl keine Neuigkeit. Man kann aber generell sagen, dass der Wein im Laufe des Mittelalters zum eigentlichen Hauptnahrungsmittel bei Bürgern und Bauern, bei arm und reich aufgestiegen ist. Damit dies überhaupt möglich wurde, brauchte es eine grundlegende Änderung in der Landwirtschaft. Und dafür waren in erster Linie die Klöster als Grundbesitzer die eigentlichen Pioniere.

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Nach und nach wurden immer mehr Halden gerodet und steilere Äcker wurden in Rebberge umgewandelt. 1259 erfahren wir ein erstes Beispiel: Der Abt von Allerheiligen gibt einem Bürger 4 Äcker Land auf dem Geissberg als Lehen unter der Bedingung, dass dieser sie in einen Weinberg umwandelt. Im 13. Und 14. Jahrhundert, das an Urkunden bereits sehr reichhaltig ist, werden Reben an der Bachstrasse, auf der Steig, Im Urwerf, sogar im Mühlental, auf dem Emmersberg und natürlich in verschiedenen Gemeinden genannt. Praktisch jede Halde in der Stadt wurde jetzt für den Weinbau genutzt. Ende des Mittelalters können wir uns einen praktisch geschlossenen Rebberg vorstellen, der von Dörflingen dem Rhein entlang über Neuhausen bis nach Rüdlingen reichte. Im Klettgau wurden bis nach Beggingen Reben gepflanzt. Der beste Wein wuchs laut Chroniken in Thayngen. Hauptbesitzer war dort aber das Stift Konstanz, das auch die meisten Reben im Klettgau hatte, während sich das Frauenkloster Paradies auf die Reiatgemeinden hauptsächlich Stetten konzentrierte. Zwischen den Rebflächen der Klöster lagen in wirrem Durcheinander die Reben der Stadtbürger.

Ein grosser Teil des Weines wurde verkauft, hauptsächlich nach Süddeutschland bis nach Augsburg und Ulm aber auch in die Innerschweiz. Weinhändler waren das Kloster und die reichen Bürger.

Der Luzerner Historiker Rennward Cysat  schreibt im 16. Jahrhundert über Schaffhausen: ”Ist ouch kein Stadt der Eidgenossenschaft noch an der Nachpurschaft, die grösseren Handel und Gwerb mit Wyn hat als diese. Dieser Wyn ist ouch lieplich und gut ze trinken.”

Das Kloster Allerheiligen betrieb zwar zu einem Teil Eigenbau, namentlich am Heerenberg, den grössten Teil seiner Reben gab es aber als Lehen weiter und erhielt dafür den Zehnten.

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Der Zehnte ist bereits im Alten Testament erwähnt, Dort können wir in den Büchern Mose nachlesen: ”Alle Zehnten des Landes, sowohl der Ertrag des Bodens als von den Früchten der Bäume gehören dem Herrn.” Davon ging nach altem Brauch ein Teil in den Kirchenbaufonds, ein Teil an die Armen und ein Teil an die Geistlichkeit. Die Zehntherren und Zehntknechte des Klosters wurden jeweils ausgeschickt, den Anteil des Klosters auf dem Land abzuholen. Dies war ein schwieriges Unterfangen, besonders in der Zeit des Bauernkriegs, als die Bauern das Joch der Obrigkeit abschütteln wollten. Aus Neunkirch erfahren wir zum Beispiel aus Klagen des bischöflichen Amtmanns, der Trottenmeister trinke regelmässig ein Mass vom Zehntwein weg mit der Begründung, das sei eben so Brauch. Und er klagt weiter: So lange bis der Zehntwein nicht weggeschafft ist, stehen die Bauern in der Trotte trinken alle davon. Wenn sich die Zehntmänner über diese Frechheit ereifern wollten, bekommen sie zur Antwort: ”Nehmt, was da ist, sonst bekommt ihr etwas anderes.” Weiter jammert der arme Zehntmeister: ”Was beim Auf- und Abladen der Fässer und unterwegs von den Fuhrleuten getrunken wird, will ich nicht melden, aber es ist nicht wenig.” Ganz ähnliche Klagen hören wir auch über die Hallauer.

Trotzdem, es waren immer noch gewaltige Mengen Wein, die schliesslich im Kloster eintrafen. Die Geistlichkeit brauchte ihren Teil davon für den Eigenbedarf. So erfahren wir in einer Urkunde von 1325  die Bestimmung, dass die eingehenden Gaben an Getreide und Wein an die Brüder gleichmässig verteilt werden. Wenn diese nicht reichen sollen, stehen wenigstens jedem Bruder täglich zwei Mass Landwein vom besten (due mensure vini terre) zu, zusätzlich noch an Sonn- und Feiertagen noch der übliche Elsässer. Ein Mass war etwa 1.3 Liter. 2.6 Liter also das absolute Minimum für einen Klosterbruder als Tagesration. Man vernimmt, dass die regelmässige Lieferung von Wein für die Brüder von grosser Bedeutung war. Es sind uns allerdings keine alkoholischen Exzesse bekannt, wie etwa im Burgund, wo der Klosterinspektor klagte, die Mönche hätten jeweils am anderen Morgen nach ihrem Gelage sich nicht geschämt, das Weihwasser auszusaufen, um ihren Durst zu löschen. Doch wir dürfen annehmen, dass auch hier ordentlich getrunken wurde.

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Aber auch die Bürgerschaft hielt wacker mit. Nach der Reformation und der Aufhebung des Klosters ging der Besitz des Klosters an die Stadt über. An die Stelle des Abtes traten zwei Mitglieder des Rates als Oberpfleger. So kam es, dass die Klosterwirtschaft im allgemeinen unverändert über Jahrhunderte blieb. Wer auch immer mit der Verwaltung zu tun hatte, benutzte die Gelegenheit, auf Kosten des Klosterkellers zu trinken. Nach der Ratssitzung, so kann man nachlesen, hielten die Stadtregenten gewöhnlich ihre Einkehr im Kloster. Dann holte man das noch vorhandene Silbergeschirr und tafelte bis in die Nacht. Zweimal jährlich fanden hier auch die Vogts- und Stadtgerichtssitzungen statt, bei denen regelmässig auf Kosten der Klosterverwaltung gegen hundert Liter Wein flossen.

Manches Fest schon wurde hier an diesem Ort gefeiert, und für alle erdenklichen Anlässe wurde der Ehrenwein aus dem Klosterkeller in grösseren Mengen gratis abgegeben. Ein wichtiger Brauch war die Spende von jeweils rund 200 Litern Wein an das Hochzeitsfest der Stadtbürger. Der letzte, der in diesen Genuss kam, war 1835 Johann Conrad Fehrlin. Aber auch die wilden Bräuche, die die Söldner aus ihren Feldzügen heimbrachten, fanden auch auf geweihten Boden ihren Niederschlag.

Hans Stockar notiert im Jahre 1523 in sein Tagebuch: ”Diese Zit hatten min herren zu Schaffhusen ain Armbrustschiessen. Sie gaben einen Ochsen aus, der im Baumgarten gebraten wurde. Es waren auch viel fremde Lüt hier und es ging wild zu. Und do die fremden hinwegzogen, hatten etlich Blätz ab an den nasen, und sie hatten kein grösser kurzwil, als dass si einander voll Win machtend”.

Wenn ich das Thema auf den Punkt bringen darf, so möchte ich zu der banalen Aussage kommen: Es wurde hier nicht nur wacker produziert, sondern auch ebenso wacker konsumiert.

Wenn wir uns hier an diesem geweihten Ort zur Weinprobe treffen, so hat dies eine offenbar alte, wieder aufgegriffene Tradition. Und, wenn wir uns jetzt in natürlich gesitteter Weise dem Wein zuwenden, denken wir ab und zu beim Geniessen des edlen Saftes an den Klostergründer Graf Eberhard von Nellenburg und an die zahlreichen Mönche von Allerheiligen. Ihnen haben wir das köstliche Gut schliesslich zu verdanken. Die Namen unserer trinkfreudigen Stadtväter sind auf den zahlreichen Grabsteinen verewigt, die man rundum im Kreuzgang sehen kann. Ihre sterblichen Hüllen sind hier im Junkerfriedhof begraben, Wer weiss, vielleicht wird der eine oder andere Geist dieser Weinprobe beiwohnen.

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