Im Fokus

Stadtarchiv Schaffhausen

Das ewige Bündnis Schaffhausen 
mit der Eidgenossenschaft  von 1501

 

Dr. Peter Scheck, Stadtarchivar

Die heute 500-jährige Zugehörigkeit Schaffhausens als vollwertiges Mitglied der Eidgenossenschaft verdanken wir zahlreichen Umständen und Ereignissen, die für die damaligen politisch Verantwortlichen ebenso schwierig berechenbar und vorhersehbar waren, wie sie heute in ihrer Vielschichtigkeit nachvollzogen und begriffen werden können. Dieser für die spätere Entwicklung wesentlichste politische Entscheid der Schaffhauser ist nämlich nur dann einigermassen fassbar, wenn man die Vorgeschichte um mindestens ein Jahrhundert zurückblättert und sie im Kontext der grossen Entwicklungen betrachtet. In der gebotenen Kürze versuche ich Ihnen nun aufzuzeigen, welches die sogenannten historischen Hauptphasen der Politik unserer Stadt waren.

Dr. Peter Scheck


 

Grundlagen

Die ganze Ordnung des Mittelalters von Staat und Gesellschaft beruhte ja bekanntlich auf dem Lehensverhältnis. Der Vasall erhielt ursprünglich ein Lehen für Dienste und Treue und leistete dafür den Huldigungseid. Mit diesem Eid waren beide Teile einander zur Treue verpflichtet.

Wenn wir das Beispiel einer Stadt nehmen, so konnte sie entweder einem Grafen oder Fürsten oder sogar dem König direkt unterstellt sein. Im ersteren Fall sprechen  wir von sogenannten Landstädten, im letzten all von sogenannten Reichsstädten. Je weiter weg der jeweilige Herr war, desto grösser war der Handlungsspielraum einer Stadt. Sicher war es deshalb für eine Stadt erstrebenswert, reichsunmittelbar oder reichsfrei zu sein, denn der König oder Kaiser nahm  in der Regel selten direkten Einfluss auf seine ihm unterstellten Städte. Gemäss diesem Modell war der König aber auch die mächtigste Person im deutschen Reich. In Tat und Wahrheit waren aber die Könige des Spätmittelalters eher schwache Figuren. Dies nicht aufgrund ihres Charakters, sondern aufgrund folgender Überlegungen: Nach dem berühmten Soziologen Max Weber ist Macht nämlich die Chance, in einer sozialen Beziehung den eigenen Willen durchsetzen zu können. Und genau das wurde für die Könige des Spätmittelalters immer schwieriger. Allmählich nämlich drehte sich das Verhältnis um: Dienste wurden geleistet wegen des Lehens.

Daraus bildete sich allmählich die Landesherrschaft der Fürsten. Sie bedeutete möglichst umfassende Herrschaft über ein bestimmtes Territorium und alle darin ansässigen Personen. Die dazu notwendige Zusammenfassung unterschiedlicher Herrschaftsrechte (z.B. Grundherrschaft, hohe Gerichtsbarkeit, Zoll-, Münz- und Steuerrechte) gelang dem Hochadel aufgrund der Schwäche des Königtums. Diese Ansätze zum modernen Flächenstaat entwickelten sich in Deutschland, im Gegensatz zu Frankreich, nicht zentral, sondern eben in diesen Territorien.

Der Kaiser selber war damit zu einem Reichsfürsten unter anderen geworden – zwar quasi der Präsident, doch mit wenig Macht im Sinne Max Webers. Alle grossen Fürstenhäuser versuchten durch Ausdehnung ihrer Territorien ihre Hausmacht zu vergrössern. Das 15. Jahrhundert wurde deshalb in jüngerer Zeit häufig als Zeitalter der „Verdichtung" bezeichnet, in dem „Nischen" mit besonderen Lebensformen zunehmend verkleinert oder beseitigt wurden. Das Reich wurde mehr und mehr zu einem polyzentrischen Gebilde mit verschiedenen Grosslandschaften. Betrachten wir die Situation im historischen Atlas, so stellen wir unschwer diese Zerstückelung im Reich fest, die Tendenz war aber, dass die Fürstenhäuser, also die Habsburger, Wittelsbacher, Pfalzgrafen etc. langsam aber sicher diesen Flickenteppich in ein abgerundetes Territorium zu verwandeln suchten.

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Angesichts dieser Entwicklung im Reich mit der Tendenz auf eine Erstarkung der Fürsten hin kämpften kleinere Adlige und Städte darum, reichsfrei, d. h. direkte Lehensträger des Kaisers zu bleiben und nicht von den sich ständig ausdehnenden Fürstenstaaten aufgesogen zu werden oder, wie sie es selber nannten, vom Reiche gedrängt zu werden. Aus dieser Abwehr heraus bildeten sich die Bündnisse. Am bekanntesten sind natürlich die Eidgenossenschaft und die Städtebünde. Es gab aber auch Ritterbünde und Bünde von Bauerngemeinden. In den Texten solcher Bündnisse finden wir denn auch immer die gleichen zentralen Bestimmungen:

1.                  Gegenseitige militärische Hilfeleistung

2.                  Schiedsgerichtliche Regelungen zur Beilegung von Streitigkeiten untereinander.

3.                  Regelung des Prozessverfahrens bei externen Streitigkeiten.

4.                  Gesetze zur gemeinsamen Verbrechensverfolgung.

Diese vier Hauptpunkte sind überhaupt keine typisch schweizerische Erfindung, sondern sie sind in fast allen Bündnissen im deutschsprachigen Raum enthalten. Alle diese Bündnisse, auch die eidgenössischen, waren Zweckverbindungen, die sowohl die Friedenssicherung als auch die Rechtssicherheit und Unabhängigkeit der Mitglieder gewährleisten sollten. Hier möchte ich aber auf ein wesentliches Merkmal der eidgenössischen Bünde hinweisen. Weil die Städte- und Adelsbünde sich stets den veränderten Verhältnissen anzupassen versuchten, schlossen sie meist kurzfristige Verträge von einem bis maximal fünf Jahren ab, um sie dann vor Ablauf dieser Frist meist mit modifiziertem Wortlaut zu verlängern. Anders die Eidgenossen: Sie schlossen in der Regel mit gleichwertigen Partnern unbefristete Bündnisse, und hielten sich in den vertraglichen Bestimmungen so allgemein, dass keine Anpassungen nötig waren. Ansonsten aber war das Hauptinteresse jeder Stadt, jeder Talschaft und jedes Ritters zuerst auf die eigenen Belange gerichtet. Dies zeigte sich nicht nur bei den schwäbischen Städten, deren Bund aufgrund eigennütziger Zurückhaltung der Mitglieder immer wieder scheiterte, sondern sehr typisch auch im Alten Zürichkrieg. Es ist deshalb grundsätzlich falsch, die eidgenössischen Bündnisse des Mittelalters als uneigennützige Bruderliebe oder gar als konspirative Unabhängigkeitsbewegung zu idealisieren.

Der Süden des Reichs war also am Ende des Mittelalters ein wirres Geflecht von vertraglichen Beziehungen, die den nötigen Schutz garantieren sollten, denn Bündnispolitik war Sicherheitspolitik. Wer nicht rechtzeitig Verbündete zur Hand hatte, wurde früher oder später von den Territorialmächten geschluckt. Um hier noch einmal auf den Anfang zurückzukommen: Die Territorialherren wussten ihre Macht geschickt auszunutzen. Und der König war auf ihre Loyalität angewiesen. Gerade bei der Wahl eines neuen Königs geschah es sehr oft, dass der favorisierte Fürst, der die Königskrone erstrebte, oft in geheimen Abkommen den anderen Fürsten Zugeständnisse machen musste, beispielsweise durch das Versprechen von Verpfändung von Ländereien oder Städten. Dies geschah auch mit unserer Stadt im Jahre 1330.

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Phase 1: Reichsfrei oder österreichisch: Schaffhausen als Spielball der höheren Politik.

Schaffhausen, das sich während der Thronstreitigkeiten zwischen Ludwig dem Bayern und Friedrich dem Schönen von Österreich von dem schützenden Bündnis mit den Bodenseestädten getrennt hatte, bekam dieses ungeschickte politische Manöver sofort zu spüren, wurde es doch kurz darauf zusammen mit anderen Städten von Ludwig dem Bayer an die Habsburger verpfändet. Wir wissen, dass sich die Schaffhauser nicht freiwillig von der Reichsunmittelbarkeit trennten. In der Chronik von Tschudi können wir nämlich nachlesen: Die von Nüwenburg widerten sich und vemeinten bi dem rich zu blieben, do belagerten inen die Herzogen von Oesterrich ir Stadt und als si sechs wuchen davor gelagend, ward si gezwungen sich ufzugeben. Do das die von Schaffhusen Rhinfelden und Brisach sahend, die sich bisher ouch gewidert und den Hertzogen nit wellend huldung tuon, getrauten sie sich nicht fürer zu widersetzten und schwurent den hertzogen von Oesterrich. Man kann ruhig sagen: Hätten die Schaffhauser damals so mächtige Verbündete wie Zürich gehabt, sie hätten sich einer Verpfändung erfolgreich widersetzen können. Dann wäre unsere Stadtgeschichte wohl ganz anders herausgekommen.

Doch von 1330 bis 1415 blieb die Stadt bekanntlich unter österreichischer Herrschaft. Erst während den Streitigkeiten zwischen dem damaligen König Sigmund aus dem Hause Luxemburg und dem österreichischen Herzog Friedrich IV. änderte sich die Lage schlagartig. Als der Herzog 1415 versuchte, die Papstwahl am Konzil zu Konstanz zu sabotieren, entlud sich der lange aufgestaute Zorn des Königs über den Habsburger. Friedrich wurde in die Reichsacht gesetzt, und alle seine Güter wurden eingezogen. Schaffhausen kam wieder ans Reich, während die Eidgenossen vom König aufgefordert wurden, den österreichischen Aargau zu erobern. Die Macht der Habsburger war in unserer Gegend vorübergehend gebrochen. Für unsere Stadt begann hiermit wiederum eine Zeit der selbständigen Politik. Die Stadt konnte von der Differenz zwischen ihm und Herzog Friedrich profitieren, denn Sigmund setzte sich als Rache gegen seinen Widersacher ein für den Schutz der nun reichsunmittelbar gewordenen Städte.

Das Privileg Sigmunds, die Stadt nie mehr wieder aus der Hand zu geben, wurde von den Schaffhausern mit der hohen Summe von 6000 Gulden bezahlt. Was immer wieder falsch geschrieben wird: Schaffhausen kaufte mit dieser Summe nicht die Reichsfreiheit zurück, sondern eben dieses Privileg, eine ewig vom Reich unveräusserbare Stadt zu sein. Die Tatsache, dass der Hegauadel sich auf die Seite des Königs geschlagen hatte und von Herzog Friedrich abgefallen war, kam Schaffhausen sehr zustatten. Durch die Vereinigung mit den Bodenseestädten und der Ritterschaft Sankt Georgenschild konnten für Schaffhausen die wichtigsten politischen Ziele erreicht werden: die Befriedung der Handelswege, der Schutz der Privilegien und der Freiheiten und der Kampf gegen Hungersnot und Teuerung. Es war eine Zeit fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem Adel und den benachbarten Städte.

Erst als sich König Sigmund mit Herzog Friedrich auf Druck der Fürsten wieder aussöhnte – sie drohten ihm sogar mit der Absetzung -, änderte sich auch die politische Konstellation im Süden des Reiches. Durch die Erlaubnis, seinen verlorenen Besitz wieder zurückzuerwerben, gewann Friedrich IV. rasch wieder an Ansehen und konnte innerhalb kurzer Zeit den grössten Teil seines ehemaligen Besitzes zurückgewinnen. Der Adel trat wieder vermehrt in österreichische Dienste ein, und wandte sich nun den Fürsten zu. Damit verlagerte sich auch im Bodenseegebiet das Kräfteverhältnis.

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Phase 2: Aktive Unabhängigkeitspolitik der Schaffhauser

Nach dem Tod Sigmunds und der Wahl Herzog Albrechts von Österreich zum deutschen König vollzog sich eine Wende, die für Schaffhausen nicht schärfer hätte sein können. Die Macht des Hauses Habsburg konnte sich nun voll entfalten, denn Königskrone und habsburgische Hausmachtpolitik waren fortan in der gleichen Hand. Während des Zürichkriegs sah König Friedrich aus dem Hause Habsburg die Spaltung innerhalb der Eidgenossenschaft als willkommene Chance, den im Jahre 1415 verlorenen Besitz Österreichs zurückzugewinnen. Doch das Söldnerheer der Armagnaken sollte nicht nur gegen die Eidgenossen eingesetzt werden, man wollte mit ihm auch militärischen Druck auf Schaffhausen ausüben. Die Bürger wurden ultimativ aufgefordert, Österreich zu huldigen. In der Not wandte sich die Stadt, da sonst keine andere Schutzmacht in Frage kam, hilfesuchend an den Schwäbischen Städtebund und bat gleichzeitig um Aufnahme in das Bündnis. Wie dramatisch die Lage für die Stadt damals war, geht aus dem Schreiben an die Stadt Ulm hervor. Die Schaffhauser schrieben nämlich: Die Armagnaken hätten von ihnen gefordert, dem hus Oesterich zu hulden und zuschweren und von dem Rich zu treten. Und der Dauphin habe gesagt, ob wir das nit tun wellend so welle er uns mit gewalt dazu bringen und schwärlich nöten. Mit dem Beitritt in den Schwäbischen Städtebund war die Gefahr vorläufig gebannt. Es war ein riesiges Bündnis, das bis nach Augsburg und Nürnberg reichte. Ulm war gewissermassen administrative Zentrum des schwäbischen Städtebunds.

Die angestrebte Ruhe war aber von kurzer Dauer. Im Städtekrieg von 1449 entluden sich die aufgestauten Spannungen zwischen Albrecht Achilles von Zollern, der einen mächtigen Fürstenbund anführte, und der Reichsstadt Nürnberg. Der Adel stand praktisch geschlossen hinter den Fürsten. Schaffhausen wurde als Mitglied des schwäbischen Städtebunds ebenfalls in diesen Krieg hineingezogen. Mit der Eroberung von Balm und von Rheinau versuchten die Schaffhauser einen vielleicht nicht ganz uneigennützigen Beitrag zum Kampf gegen die Fürsten zu leisten. Gleichzeitig begann eine Fehde zwischen dem österreichischen Ritter Bilgeri von Heudorf und der Schaffhauser Familie Fulach wegen dem Besitz des Schlosses Laufen. Dieser Streit, in den die Stadt ebenfalls hineingezogen wurde, sollte mehr als 25 Jahre dauern. Nach Beilegung der Streitigkeiten des Städtekriegs 1450 waren sich die schwäbischen Städte in bezug auf die hohen Kriegskosten uneinig. Schaffhausen wurde bei den Friedensverhandlungen ausserdem zu einem Prozess mit Herzog Albrecht von Österreich gezwungen. Die Schaffhauser wurden zu hohen Reparationszahlungen verurteilt und ausserdem massiv unter Druck gesetzt, dem Hause Österreich zu huldigen und die Reichsfreiheit wieder aufzugeben. Durch die internen Streitigkeiten innerhalb des Städtebunds war es vorauszusehen, dass das Bündnis seiner Aufgabe als Schutzmacht nicht mehr gewachsen war. Zu verschieden waren die Interessen der einzelnen Teilnehmer.

Als einzige Alternative zur Unterwerfung unter das Haus Österreich, verblieb den Schaffhausern nur noch ein Bündnis mit den Eidgenossen. Nachdem der Zürichkrieg beendet war, stand diese Türe wieder offen. Frühzeitig wurden die Eidgenossen  ins Vertrauen gezogen, und man nahm mit ihnen Verhandlungen über einen Bundesvertrag auf. Durch Zuwarten erhoffte man sich insgeheim günstige Vertragsbedingungen. Erst als sich die Gefahr immer mehr zuspitzte und die Stadt mehrfach ultimativ zur Unterwerfung aufgefordert worden war, blieb den Schaffhausern keine Wahl mehr. Am 1. Juni 1454 wurde die Urkunde mit sechs der acht alten Orte feierlich besiegelt. Schaffhausen war damit für die nächsten 25 Jahre zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Für die Schaffhauser aber war es damals die letzte Möglichkeit, die übrigblieb. Die historische Bedeutung dieses Schrittes war den Bürgern zu jener Zeit noch nicht bewusst. Erst die folgenden Jahrzehnte sollten zeigen, dass damit das Schicksal unserer Stadt nachhaltig entschieden wurde.

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Phase 3: Schaffhausen als eidgenössischer Trabant

Mit dem Bundesvertrag von 1454 hatte Schaffhausen fortan auf eine eigene Politik zu verzichten und sich innerhalb der Linie der eidgenössischen Aussenpolitik zu bewegen. Damit geriet unsere Stadt in einen Machtkreis, den sie selber nicht mehr beeinflussen konnte. An den wichtigen kriegerischen Unternehmungen der Eidgenossen waren nun auch die Schaffhauser beteiligt, namentlich bei der Eroberung des Thurgaus im Jahre 1460. Aber auch die Fehden, die vor dem Bundesabschluss mit den Eigenossen begonnen hatten, liessen den Schaffhausern keine Ruhe, obwohl die Stadt nun eine kraftvolle Stütze an ihren Bundesgenossen hatte. Trotz einer Übereinkunft mit Herzog Sigmund von Österreich 1461 setzte Bilgeri von Heudorf von Tiengen aus die Fehde gegen Schaffhausen fort. Er nahm sogar dessen Bürgermeister Hans Amstad gefangen und erpresste ein hohes Lösegeld. Die Folge davon war der sogenannte Waldshuterkrieg, bei dem die Eidgenossen Waldshut belagerten, schliesslich aber wegen Uneinigkeit untereinander den Feldzug wieder abbrachen. Erst Jahre später fanden mit dem Heudorfer wieder Verhandlungen statt die 1476 den Schaffhausern endlich die nötige Ruhe brachten. Aber auch in den Burgunderkriegen gegen Herzog Karl den Kühnen waren die Schaffhauser als Verbündete der Eidgenossen beteiligt. Unter Ulrich Trüllerey kämpften 106 Schaffhauser bei der Schlacht bei Grandson mit. Unsere Stadt hatte sich vorbildlich als zugewandter Ort der Eidgenossen bewährt. So ist es nicht erstaunlich, dass der Vertrag 1479 um weitere 25 Jahre verlängert wurde. Diesmal wurde das Bündnis mit allen acht Orten der Eidgenossenschaft abgeschlossen. In der Eidgenossenschaft hatten sich die politischen Verhältnisse weitgehend gefestigt. Die schweren inneren Krisen waren nach dem Zürichkrieg beendet, nach den siegreichen Schlachten gegen Karl den Kühnen äussere Gegner nicht mehr zu befürchten; eine stete Entwicklung auf längere Sicht schien sich abzuzeichnen.

Aber auch auf dem Nordufer des Bodensees wurde die bis dahin herrschende Zersplitterung jetzt weitgehend überwunden. Wenn bisher der grosse und der kleinere Adel, die geistlichen Herrschaften und die Reichsstädte immer wieder untereinander zerstritten waren und alle gemeinsam der Übermacht Österreichs und der Unberechenbarkeit des Herzogs Sigismund misstrauten, so bahnte sich plötzlich eine Entwicklung an, die recht wohl zu einem ähnlichen Element der Ordnung, des inneren Friedens und der Stabilität werden konnte, wie es die Eidgenossenschaft geworden war. Es war dies der Schwäbische Bund, der im Frühjahr 1488 gegründet wurde. Der Schwäbische Bund sollte den  Zusammenschluss aller unmittelbaren Gewalten in Schwaben herbeiführen: des Adels, der geistlichen Fürsten und Prälaten und der Reichsstädte, um unter der Führung des Kaisers für den Landfrieden zu sorgen und der Reichspolitik zu dienen.

So bestanden, nach einem Jahrhundert der Anarchie, auf einmal nördlich und südlich des Bodensees zwei festgefügte politische Organisationen: die Eidgenossenschaft, die man sich fast immer mehr gewöhnte, die »schweizerische« Eidgenossenschaft zu nennen, und der Schwäbische Bund.

Die gegen das Ende des 15. Jahrhunderts rasch wachsende Feindschaft zwischen Schwaben und Eidgenossen ist eine merkwürdige Erscheinung und nicht leicht zu begreifen. Es waren ja auch kaum sachliche Meinungsverschiedenheiten, die man sich gegenseitig übelnahm. Ich kann hier nicht auf die Ursachen eingehen, die  den Schwabenkrieg ausgelöst hatten. Soviel darf ich hier aber festhalten:

 Von den beiden grossen politischen Verbänden war die Schweizerische Eidgenossenschaft zweifellos die stärkere. Die militärischen Aufgebote der Eidgenossenschaft gehörten zu den besten der Welt, mit reicher kriegerischer Erfahrung, guter Bewaffnung und zahlreichen tüchtigen Führern. Demgegenüber hatte der Schwäbische Bund eine ernsthafte Bewährungsprobe noch nie bestanden. Zudem war eine Begeisterung für die Bundesaufgaben und Bundesinteressen das letzte, was man von den schwäbischen Städten erwarten konnte. Der Schwabenkrieg, dessen Jubiläum wir ja vorletztes Jahr gedachten, war deshalb auf der ganzen Linie ein Fiasko für die schwäbischen Truppen. Mit dem Basler Frieden ging ein kurzer aber heftiger Krieg zu Ende. Die grossen politischen Entwicklungen an beiden Ufern des Bodensees waren damit zum Stillstand gekommen. Wir stellen fest. Das Bündnis Schaffhausens mit den Eidgenossen stand kurz vor dem Ablauf. Es dauerte noch bis 1504. Wir dürfen uns ruhig fragen: Was für Optionen hatten die Schaffhauser? Und kommen dann automatisch zur

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Phase 4: Kein Weg führt mehr zurück.

Eine logische Folge des Schwabenkrieges war der endgültige Anschluss von Basel und Schaffhausen an den eidgenössischen Bund, und damit die Erreichung und Überschreitung der Rheingrenze. Eigentlich hätte dazu auch der von Zürich geforderte Anschluss von Konstanz gehört, aber daran war angesichts der noch bestehenden Wunden aus dem Schwabenkrieg und des endgültigen Verlustes der thurgauischen Landgerichtsrechte nicht zu denken.

In Schaffhausen dagegen war die Entwicklung für die Aufnahme in den eidgenössischen Bund reif geworden. Seit dem ersten Bund mit den sechs Orten von 1454, der 1479 nach seinem Ablauf erneuert wurde, hatten sich die Beziehungen der Stadt zu den Eidgenossen immer mehr gefestigt. Für die Schaffhauser gab es nach dem Schwabenkrieg keine andere Wahl mehr, als eidgenössisch zu bleiben. Es wäre ja auch ziemlich abwegig gewesen, nach gemeinsamem siegreichen Kampf die Beziehungen abzubrechen. Der Schwabenkrieg hatte aber auch den Eidgenossen gezeigt, wie wichtig ein solcher Brückenkopf jenseits des Rheines in schwierigen Zeiten war, als sichere Ausfallspforte in die benachbarten Landschaften Hegau und Klettgau. So wurde Schaffhausen am 10. August 1501 endgültig als zwölfter Ort mit vollen Recht in den eidgenössischen Bund aufgenommen und damit wurde gleichzeitig die schweizerische Nordgrenze für alle Zeiten festgelegt. Karl Schib hat in seiner Schaffhauser Geschichte geschrieben: "Wenn Basel seine Aufnahme in die Eidgenossenschaft ganz einfach seinem Gewichte verdankte, so verdankte sie Schaffhausen vor allem seinem Einsatz, seiner hundertjährigen militärischen Zusammenarbeit, die im Schwabenkrieg ihren Höhepunkt erreichte." Ich möchte vielleicht etwas pointiert hinzufügen. Der einzige entscheidende Moment, in dem die Schaffhauser frei entscheiden konnten, war nicht der Bund von 1501, sondern vielmehr das Bündnis von 1454. Alle anderen Handlungen der Schaffhauser waren keine freie Wahl, sondern zwingend und folgerichtig und hatten vor allem keine Alternative. So auch das krönende Bündnis von 1501, das wir dieses Jahr feiern.

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Das Bündnis von 1501 im Spiegel der Schaffhauser Stadtrechnung

Der ewige Bund der Schaffhauser mit den Eidgenossen war damit die logische Folge nach der 47-jährigen Zugehörigkeit der Stadt als zugewandter Ort. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn kaum zeitgenössische Schriften vorhanden sind, denn für die Eidgenossen wie für die Schaffhauser hatte sich das Bündnis bewährt. Eine Auflösung des Bundes kam nicht mehr in Betracht; es ging lediglich noch um die Anerkennung unserer Stadt als vollwertiges Mitglied. Kurz nach dem Schwabenkrieg können wir bereits in den eidgenössischen Abschieden lesen: „dass den Eidgenossen an der Stadt Schaffhausen doch viel gelegen und sie wohl mit ihnen in ewige Einung kommen möchte.“ 1500 erhielt unsere Stadt von den Eidgenossen 100 Gulden als „Ehrung“ für die geleisteten Dienste im Schwabenkrieg. Aber erst im Juni 1501 hören wir erstmals, dass die Schaffhauser auf der Tagsatzung zu Luzern erschienen seien und eine Antwort verlangt hätten auf das Begehren, das sie vor gemeinen Orten eröffnet hätten. Der Tagsatzungsschreiber ergänzte: „Und ist die meinung, dass sie begert hand, zu uns Eidgenossen zu kommen, wie Fryburg und Solothurn.“ Da die Boten aber keine Vollmacht hatten, wurde beschlossen an der nächsten Tagsatzung in Luzern darüber abzustimmen. Doch an dieser nächsten Tagsatzung hatten die Schwyzer und die von Unterwalden noch keine Zusage mitbringen können. In den Rechnungen der Stadt Schaffhausen finden wir nun einzelne Einträge, die sich auf den Bundesabschluss von 1501 beziehen und bis jetzt noch nicht bekannt waren. Bürgermeister Barter ritt offenbar extra nach Schwyz, um eine rasche Zusage zu erhalten; er verbrauchte 6 Pfund und 13 Schilling als Spesen. Weitere Botengänge nach Zürich, Baden und Luzern waren gemäss Rechnungen offenbar noch nötig. Unter der Rubrik „Reitende Boten“ finden wir schliesslich den entscheidenden Eintrag: „37 Pfund 11 Schilling verzerten beid Bürgermeister gen Luzern, als sie die ewigen Buntnis machtend.“ Unter der Rubrik „Rosslohn“ finden wir auch die Angabe, wie lange die beiden Bürgermeister Conrad Barter und Conrad Waldkirch in Luzern waren: „2 Pfund 5 Schilling Burgermeister Barter/Waldkirch gen Luzern 15 Tag.“ Wie aus dem Bild von Diepold Schilling hervorgeht, wurde das Bündnis in Luzern feierlich beschworen. Der Stadtschreiber von Luzern hatte nun die Aufgabe, den Bundesbrief zwölf Mal abzuschreiben und alle Exemplare von Ort zu Ort zu schicken, bis sämtliche Orte der Eidgenossenschaft ihr Siegel darunter gehängt hatten. In den Eidgenössischen Abschieden finden wir nämlich die Bemerkung: „wann der brief von unseren Eidgenossen von Schaffhusen wegen von Ort zu Ort zu siglen geschickt wird.“ Dies dauerte vermutlich eine Weile, doch sind wir dank den Stadtrechnungen im Gewissen, dass unser Exemplar noch im gleichen Jahr in Schaffhausen eingetroffen war. Es heisst nämlich unter der Rubrik Stadtgewerb im Jahre 1501: „200 Gulden gaben wir dem Stattschriber von Luzern um die Puntbrief, als wir ein Ort wurdent.  – 12 Gulden Siegel und Schnur – 1 Gulden dem Knecht, der die Brief führt. Der Stadtschreiber von Luzern wurde im damaligen Barfüsser-Kloster untergebracht (Areal zwischen dem heutigen Stadthaus und dem sogenannten Platz). Er verbrauchte dort zum Essen 3 Pfund und 12 Schilling. Die Beträge sind allerdings ohne Relationen nicht zu verstehen. 1 Pfund galt damals 20 Schilling. Eine gute Mahlzeit kostete zu dieser Zeit 8 Schillinge. Für 12 Schillinge erhielt man ein Paar Stiefel und für 18 Schillinge ein Paar Hosen. Wir können davon ausgehen, dass es sich die Ratsherren bei ihren wichtigen Missionen auch gut gehen liessen.