Die astronomische Uhr des Fronwagturms

Peter Scheck




Der Fronwagturm mit der astronomischen Uhr

Die Uhr des Fronwagturms ist eine der bedeutendsten Uhren der Welt. Die Vielfalt ihrer Funktionen ist jedoch selbst den Einheimischen kaum bekannt. Die Tatsache aber, dass ein Mann vor mehr als 400 Jahren dieses Wunderwerk gebaut hat, muss uns erstaunen.

 


Vgl. auch die Bilder

 

Joachim Habrecht, ein Genie des 16. Jahrhunderts 

Die Fronwagturmuhr 

Der Stundenzeiger (Nr. 1) Der Tageszeiger (Nr. 2)   Der Mondzeiger (Nr. 3)   Der Sonnenzeiger (Nr. 5)   Der Stand der Sonne gegen den Tierkreis   Anzeige der Jahreszeiten   Die Länge der Tage   Der Drachenzeiger (Nr. 4)   Anzeige der Mondknoten     Finsternisse   Erkennen der Aspekte mit Hilfe des Sonnen- und Mondzeigers     Die Mondkugel

 

Joachim Habrecht, ein Genie des 16. Jahrhunderts

Anfangs des 14. Jahrhunderts lösten die ersten Räderuhren die Sonnenuhren auf den Kirchtürmen ab. Der anfänglich schwerfällige Mechanismus wurde immer wieder verbessert und erreichte im 16. Jahrhundert eine erstaunliche Präzision. Parallel zum mathematischen und astronomischen Wissen entwickelte man nun auch Uhren, die neben der Tageszeit auch die Jahreszeiten und den Mondlauf darzustellen vermochten. Eines der grössten Genies der Uhrmacherkunst war zweifellos Joachim Habrecht, der eine der bedeutendsten Uhren der Welt, nämlich die Uhr des Fronwagturms, gebaut hat.
Habrecht wurde wahrscheinlich kurz nach 1500 in Diessenhofen geboren. Über seine Jugend und seine Ausbildungszeit ist nichts bekannt. Erstmals erfahren wir aus den Quellen, dass ein Uhrmacher aus Diessenhofen 1519 die alte Uhr des jetzigen Zeitglockenturms in Bern reparierte. Diese Arbeit setzte kurz darauf ein Uhrmacher aus Stein am Rhein fort. Es besteht kein Zweifel, dass es sich dabei um die selbe Person, nämlich um Joachim Habrecht handelte, der sich inzwischen in Stein am Rhein eingebürgert und sich dort im Jahre 1537 mit Magdalena Kauf aus Gaienhofen verheiratet hatte. Von den dreizehn Kindern des Joachim Habrecht war Isaak (1644-1620) das siebente und Josias (geb. 1552) das zehnte. Beide, wie auch ihr Bruder Hans, lernten das Uhrmacherhandwerk. Die beiden Brüder wurden später noch berühmter als ihr Vater durch den Bau der astronomischen Uhr in Strassburg, die sie zusammen mit dem Schaffhauser Maler Tobias Stimmer (1539-1584) geschaffen hatten.
Am 5. Oktober 1540 erwarb Joachim Habrecht das Bürgerrecht von Schaffhausen. Er übte seinen Beruf an der Neustadt aus, wo er ein Haus besass. Der hochgelehrte Mann, der sowohl die Mathematik wie auch die Gesetze der Astronomie beherrschte, hatte sich auf komplizierte astronomische Räderuhren spezialisiert. Sein Ruf ging weit über die Stadtmauern von Schaffhausen hinaus. 1558 wählte der Rat Habrecht zum Glockenrichter (Stadtuhrenmacher) von Schaffhausen. 1561 erhielt er von der Stadt den Auftrag, eine Uhr für den St. Johann und den Fronwagturm zu verfertigen. Nebenbei arbeitete Habrecht aber eine sehr komplizierte astronomische Uhr aus. Nach genauer Besichtigung und Prüfung kaufte sie der Rat von Schaffhausen und liess sie im Fronwagturm aufrichten „zur Zierde der Stadt und zum Ergötzen der Einheimischen und Gästen“.


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Die Fronwagturmuhr


Das gesamte Zifferblatt weist einen Durchmesser von 3,30 Metern auf und ist in drei konzentrische Kreise geteilt. Insgesamt fünf Zeiger, von denen sich zwei im Gegenuhrzeigersinn drehen, lassen uns auf drei Zifferblättern mühelos die komplizierten astronomischen Erscheinungen ablesen.

Der Stundenzeiger (Nr. 1)

Am leichtesten verständlich ist der Stundenzeiger. Er weist mit dem gestreckten Zeigefinger seiner Hand auf die im äusseren Ring des Zifferblattes in römischen Zahlen dargestellten Stunden.
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Der Tageszeiger (Nr. 2)


Der kleinste Zeiger dreht sich in der Woche einmal um seine Achse. Im innersten Ring des Zifferblattes, der in sieben Abschnitte geteilt ist, zeigt er damit den durch das Symbol gekennzeichneten Wochentag an. Diese sogenannten Planetenzeichen sind nach alter Überlieferung dargestellt und bedeuten folgendes:
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Der Mondzeiger (Nr. 3)


Der Lauf des Mondes
Der Mond braucht 27 Tage, 7 Stunden und 43 Minuten, bis er seinen Lauf vollendet hat. Während dieser Zeit durchläuft er alle Zeichen des Tierkreises. Dies wird an der Uhr durch den Mondzeiger dargestellt Der Zeiger mit der Hand und dem Halbmond gibt an, in welchem Sternzeichen sich der Mond befindet. Die Tierkreiszeichen stehen in folgender Ordnung im Gegenuhrzeigersinn zwischen den römischen Zahlen XII und I beginnend:

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Das Auf- und Absteigen des Mondes

Wie die Sonne, die vom kürzesten Tag an täglich höher steigt und am längsten Tag den Zenit erreicht hat und dann wieder abwärts steigt bis zum kürzesten Tag, so hat auch der Mond während seinem 27-tägigen Lauf ebenfalls ein solches Absteigen. Wenn der Zeiger, der ebenfalls im Gegenuhrzeigersinn läuft, bei zwölf Uhr im Sternzeichen des Krebses abwärts geht, sinkt auch der Mond und beginnt wieder zu steigen, nachdem er in das Zeichen des Steinbocks (sechs Uhr) eingetreten ist. Fängt er wieder an aufwärts zu gehen, durch den Steinbock, Wassermann Fische etc., so ist der Mond am Steigen, bis der Zeiger die höchste Höhe bei zwölf Uhr erreicht hat.

 

Der Sonnenzeiger (Nr. 5)


Der Stand der Sonne gegen den Tierkreis

Der Zeiger mit Sonnenscheibe und Pfeil benutzt ebenfalls das mittlere Zifferblatt, doch braucht er 365 Tage für einen Umlauf. Er bewegt sich also mehr als dreizehn mal langsamer als der Mondzeiger, dreht sich aber ebenfalls im Gegenuhrzeigersinn. Er zeigt das aktuelle Sternzeichen an. Da es zwölf Tierkreiszeichen gibt, kann auch der jeweilige Monat abgelesen werden.

Anzeige der Jahreszeiten

Wenn der Sonnenzeiger aus den Fischen in den Widder übertritt, fängt der Frühling an; ist er am Anfang des Krebses, beginnt der Sommer. Tritt er in die Waage ein, ist es Herbst und beim Steinbock zeigt er den Beginn des Winters an.

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Die Länge der Tage

Gleichzeitig verkündet dieser Zeiger die Länge des Tages, denn weist er auf zwölf Uhr (Beginn des Krebses), ist der Tag der längsten Sonnenscheindauer. Bei uns in Schaffhausen sind dies 15 Stunden 47 Minuten. Bei sechs Uhr (Beginn des Steinbocks) ist der kürzeste Tag (8 Stunden und 13 Minuten). Tritt der Zeiger in den Widder oder in die Waage, so ist Tag- und Nachtgleiche.

 

Der Drachenzeiger (Nr. 4)


Anzeige der Mondknoten

Die Uhr besitzt einen eigentümlichen Zeiger, der der Form nach wohl einen Drachen darstellt. Seine Spitze trägt einen Kopf und sein Ende ist schlangenförmig. Wegen seiner grauen Farbe ist er schlecht erkennbar. Im Gegensatz zum Mond- und Sonnenzeiger geht er im Uhrzeigersinn wie der Stundenzeiger. Er zeigt uns die sogenannten Mondknoten an. Die Bahn des Mondes und die der Sonne schneiden sich nämlich in zwei Punkten. Derjenige Punkt oder Knoten, durch den der Mond über die Erdbahn hinaufsteigt, heisst der aufsteigende Knoten, der andere, der unter die Erdbahn geht, ist der absteigende Knoten. Diese Knoten ändern ihren Stand gegenüber dem Tierkreis rückwärts. Der Kopf des Zeigers deutet an, in welchem Tierkreis sich der aufsteigende Mondknoten befindet, der Schwanz des Zeigers weist auf die Lage des absteigenden Knotens hin.

Dieser Zeiger ist der langsamste von allen, braucht er doch genau 18 Jahre und 11 Tage, bis er eine einzige Umdrehung vollendet hat. Das allmähliche Wandern der Mondknoten ist eine Erscheinung, die schon im Altertum bekannt war. Die Erkenntnis ist besonders wichtig für die Berechnung der Finsternisse.

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Finsternisse

Mit Hilfe des Drachenzeigers können nämlich mühelos Sonnen- und Mondfinsternisse abgelesen werden. Kommen nämlich Sonnen- und Mondzeiger genau auf den Drachenzeiger zu liegen und zeigen beide in die selbe Richtung, ist eine vollständige Sonnenfinsternis eingetreten. Decken sie sich nur nahe beim Drachenzeiger, so ist es eine partielle Sonnenfinsternis. Wenn Sonnen- und Mondzeiger aber in die entgegengesetzte Richtung zeigen und auf den Drachenzeiger zu liegen kommen (oder nahe daran), so wird eine ganze oder teilweise Mondfinsternis angezeigt.

 

Erkennen der Aspekte mit Hilfe des Sonnen- und Mondzeigers

In der Astrologie, die damals eine hervorragende und heute wieder eine grössere Bedeutung hat, spielen die sogenannten Aspekte, auch Phasen oder Stände genannt, eine Rolle. Die Aspekte zeigen an, wie Sonne und Mond zueinander stehen. Wenn nämlich Sonnen- und Mondzeiger übereinander im selben Zeichen liegen, spricht man von einer Zusammenkunft oder Konjunktion (A), stehen sie entgegengesetzt bzw. 180 Grad auseinander, nennt man dies den Gegenschein oder die Opposition (B). Der Gedrittschein ist der Name für einen Winkel von 120 Grad oder der Abstand von vier Zeichen. Stehen die beiden Zeiger rechtwinklig zueinander, sprich man vom Geviertschein.

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Die Mondkugel

 

Oberhalb des Zifferblattes ist eine sich drehende Mondkugel angebracht. Eine Halbseite ist schwarz, die andere vergoldet. Wenn die schwarze Seite sichtbar ist, haben wir Neumond. Sehen wir aber die goldene Seite, ist Vollmond. Da sich die Kugel in 29 Tagen, 12 Stunden und 44 Minuten einmal von rechts nach links dreht, können wir auch die Zwischenphasen ablesen. Ist die rechte Seite der Kugel golden und die andere Seite schwarz, ist der Mond zunehmend. Umgekehrt ist er abnehmend. Die Dauer einer Umdrehung der Mondkugel entspricht allerdings nicht der Zeit, die der Mond für eine Umkreisung der Erde (Mondzeiger) braucht. Dazu braucht er nur 27 Tage 7 Stunden und 43 Minuten. Da der Mond ja nicht nur seine eigene Bahn durchläuft und sich währenddem einmal um sich selber dreht, sondern zugleich mit der Erde um die Sonne wandert, braucht er etwas länger, bis er wieder mit der Sonne und der Erde in der gleichen Stellung ist.

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