Überlieferung ist das, was der Historiker in Händen hält: was ihm aus früheren Zeiten in den Archiven zur Verfügung steht. Der Historiker weiss, dass sein Wissen Stückwerk ist. Aber welche Stücke er in Händen hält, das wird ihm nicht ebenso deutlich, und so erliegt er nicht selten dem natürlichen Gefühl seiner Hände, das, was er hat, für schwerer, für gewichtiger zu halten als das, was er nicht in Händen hat. So fragen wir in einem ersten Schritt: was wurde eigentlich überliefert, was mag alles nicht überliefert sein, und warum nicht?
Der "normale" historische Verlauf ist jedem von uns geläufig: schriftliche Überlieferung wird mit der Zeit reduziert. D. h. in der Figurenfolge alter Weltgeschichten: von Hitler wissen wir mehr als von Napoleon, von Napoleon wissen wir mehr als von Karl dem Grossen, von Karl dem Grossen mehr als von Julius Cäsar (das stimmt schon nicht), von Cäsar mehr als von Ramses II. Natürlich ist einiges richtig an dieser Vorstellung. Aber gerade die Abweichungen von diesem idealen Prozess sollen uns hier beschäftigen, weil sie, in kaum wahrnehmbarer Weise, die Erkenntnis des Historikers und damit unser Geschichtsbild beeinträchtigen.
Denn Überlieferung ist zunächst einmal ungleichmässig. Auch das ist eine triviale Einsicht: über dieses wissen wir wenig, über jenes viel. Aber es geht hier um die Frage, ob sich darüber mehr aussagen lasse als nur, dass Überlieferung eben ungleichmässig sei; wodurch wird sie denn ungleichmässig? Nur durch Willkür und Zufall? oder gibt es womöglich auch eine Ungleichmässigkeit der Chance, überliefert zu werden?
Betrachten wir als erstes die uns überlieferten Urkunden von Schaffhausen, die sich zum grössten Teil im Staatsarchiv befinden. Von der Zeit der Anfänge bis zur Reformation besitzen wir rund 6000 bekannte Urkunden aus dem Mittelalter. Wenn wir wissen, dass bedeutende Städte wie Genua, Lucca, Pisa, Florenz bereits im späten 12. oder im 13. Jahrhundert jedes Jahr an die 20, 30, 40'000 Notarsurkunden produziert haben, können wir abschätzen, dass wir nicht einmal mehr von Prozenten reden dürfen, die uns noch erhalten sind.
Sehen wir zunächst einmal die Zusammensetzung des erhaltenen Urkundenmaterials an. Rund 6'000 Urkunden, das könnten also (sagen wir:) 60mal Nachrichten über 100 verschiedene Arten menschlicher Tätigkeit sein. Leider ist die Relation enttäuschender: Das Urkundenregister enthält eher 600mal Nachrichten über hauptsächlich 10 verschiedene Arten von Betätigung (nämlich vorwiegend Liegenschaftsverkäufe, Landverpachtung, Testamente und fromme Stiftungen).
Diese einseitige Auslese kann mehrere Gründe haben, darunter aber sicherlich einen: Der Hauptteil der Urkunden ging verloren, weil sie weggeworfen wurden. Und sie wurden weggeworfen, weil sie kurzfristige Alltagsgeschäfte betrafen. Zum Beispiel der Lehrlingsvertrag, der Liefervertrag, das Darlehen. Ganz anders bei Grundstücksgeschäften. Hier legte man auf Urkunden grossen Wert und verwahrte sie sorgfältig, um sich notfalls gegen Ansprüche Dritter ausweisen zu können. So kennen wir aus der Urkundenüberlieferung die Geschichte einzelner Grundstücke über Jahrhunderte und erfahren doch sehr wenig über das, was die Bedeutung unserer Stadt eigentlich ausmachte. Die Überlieferung verzerrt die Stadtgeschichte zur Agrargeschichte und wir kommen zum Schluss: Urkundliche Überlieferung macht das Mittelalter also noch agrarischer, als es ohnehin schon ist.
Die Überlieferung des Mittelalters geht vielfach über die geistlichen Archive. Man wird es nicht anders erwarten. Tun wir darum gleich den nächsten Schritt: Es fällt auf, dass in den uns überlieferten Gerichtsurkunden meistens die geistliche Seite gewinnt. Die Überlieferung will es eben so wahrhaben, und viele werden diesem Eindruck um so leichter Glauben schenken, als er ihrer undifferenzierten Vorstellung von mittelalterlichen Herrschaftsverhältnissen so wunderbar entspricht. Versuchen wir einmal, uns den Überlieferungsweg vorzustellen. Nehmen wir einen denkbaren Fall: Der Abt, das Kloster, gewinnt vor Gericht; die Urkunde darüber wird von Anfang an in ein geistliches Archiv geraten und somit eine relativ grosse Chance haben, uns zu erreichen. Oder aber, umgekehrt: Der Abt, das Kloster verliert vor Gericht: da gibt es für die geistliche Seite nichts zu überliefern; in diesem Fall ist es nämlich, als siegreiche Prozesspartei, der Laie, der die Urkunde zu Hause irgendwo ablegt - und damit ist sie für uns bereits verloren. Die Siege der Kirche werden durch die Überlieferung unverhältnismässig vermehrt und führen uns zur zweiten Einsicht: Urkunden-Überlieferung macht das Mittelalter noch kirchlicher, als es ohnehin schon ist.
Die Chancen-Ungleicheit der Überlieferung prämiert also, sahen wir, den Grundbesitz und diskriminiert Handel und Gewerbe; sie begünstigt die Kirche und benachteiligt die Laien. Und sie tut noch etwas anderes: sie begünstigt das Unerhörte, das Ungewöhnliche, das Fatale, und benachteiligt den Alltag, das Übliche, das Normale. Das Schiff, das heil nach Hause zurückkommt, werden wir möglicherweise gar nicht wahrnehmen, es segelt unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle. Geht das Schiff aber unter, dann findet es vielleicht Eingang in eine Chronik, in einen Brief, und erhöht damit die Chance, dass wir 500 Jahre später von diesem (und vielleicht nur von diesem) Schiff noch hören.
Doch hat das Problem der Überlieferungschance auch noch eine andere Dimension: Es gibt ganze Bereiche, die in Quellen nie hineingefunden haben. So ist die Chance, in eine Quelle zu kommen und überliefert zu werden, auch sozial bedingt. Der Historiker weiss, dass die Überlieferung von der Masse der Namenlosen wenig Individuelles zu berichten weiss, es sei denn wiederum Fatales: Nur die Prozesse haben uns Lebensschicksale einzelner Bauern des 16.Jahrhunderts überliefert. Selbstaussagen, so eindringlich und so persönlich, als öffne sich dem Historiker ein neuer Raum; und nur der tödliche Inquisitionsprozess wird dem kleinen Mann die Chance geben, seine Anschauungen bekanntzumachen. Wirklich zu Wort kommen gewöhnliche Menschen, denen ihre Gegenwart vollauf genügte und die mit der Nachwelt nichts im Sinn hatten, also eigentlich nur im Verhör, wenn sie dabei zwangsläufig auch auf die eigene Person zu sprechen kommen.
Wenn Bertolt Brechts "Lesender Arbeiter" fragt: "Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte sonst niemand?" - wenn er so fragt, dann meint er, dass nach Cäsars Koch oder nach Philipps Soldaten nicht gefragt werde. Aber dass Brechts lesender Arbeiter auf seine treffenden Fragen nicht so leicht eine Antwort findet, liegt nicht allein an der Bosheit der herrschenden Klasse, die diese historische Fragestellung nicht zulasse, sondern ist wiederum zugleich ein Problem der Überlieferung: Cäsars Koch hatte keine Chance, in eine historische Quelle zu kommen - es sei denn, er hätte das Unerhörte getan und Cäsar vergiftet. Selbstzeugnisse aus dem sogenannten "niederen Volk" gibt es fast nicht, und wo sie überhaupt einmal niedergeschrieben sind, da haben solche Arbeiter-Memoiren, in der Schuhschachtel zu Hause verwahrt, eine weit geringere Überlieferungs-Chance als die publizierten Memoiren eines Diplomaten.
Wir sahen, dass Überlieferung ungleichgewichtet ist einmal durch die ungleiche Chance überliefert zu werden. Doch gibt es noch einen weiteren Faktor, der bestimmt, ob etwas überliefert wird oder nicht, und das ist: der Zufall - ein Faktor, der nicht historisch ableitbar und schon gar nicht berechenbar ist. Überlieferung ist eben nie, was man so leichthin von ihr sagt: sie ist nie "dezimiert" in dem wörtlichen Sinn, dass in mechanischer Auslese jedes zehnte Stück fortgefallen sei. Der Landsknecht, der bei der Plünderung einer Stadt verwüstend in die Amtsstuben eindringt, wird nicht jeden zehnten Band der Gemeinde‑Register aus dem Regal nehmen und sie aus dem Fenster werfen, sondern alles, was seine wüsten Arme zu fassen kriegen. Oder: Der über die Ufer tretende Fluss, der verwüstend in das Klostergebäude eindringt, wird nicht jede zehnte Urkunde des Klosterarchivs vernichten, sondern die ganze untere Regalreihe und damit womöglich einen ganzen Fonds; noch ein Regentag mehr, und unser Bild von diesem Kloster wird sich abermals ändern: ‑ das Kloster ist für uns wiederum ein anderes geworden. Wir sollten über solchen Überlieferungsschicksalen nicht elegisch werden und dürfen uns getrost eingestehen, dass das so oder so nicht die Geschichte ist, sondern unsere Geschichte, deren Bild sich dann auch schwerlich durch einen neuen Fund, sondern periodisch durch eine neue Sicht der Dinge wandelt.
Zwar nimmt der Mensch auch seine Gegenwart nicht anders als auslesend wahr: eine Auslese vermittelt uns zum Beispiel die Tageszeitung. Man hat errechnet, dass eine grosse Presse-Agentur von den rund 500'000 Wörtern, die täglich bei ihr eingehen (und ihrerseits bereits eine Auswahl auf rund 10% durch die Zulieferer darstellen), nur wiederum etwa 10% an die Zeitungen weitergibt - und die übernehmen davon wiederum nur soviel, wie in ihre Zeitung hineinpasst. Kurz: "die Wahrheit der Presse kann ... ihrem Wesen wie ihrer Technik nach gar nichts anderes sein als eine “Wahrheit nach Mass”. Und die Zeitung werden ebenfalls grundsätzlich mehr das Ungewöhnliche, das Berichtenswerte mitteilen, so wie jede bewusste Überlieferung und Mitteilung mehr dem Aussergewöhnlichen als dem Alltäglichen gilt, auch im privaten Bereich. Und so, wie die Nachrichten dann auf die Seiten der Zeitung sortiert sind, würde es für das Bild, das sich eine spätere Zeit von der unsrigen machen wird, einen grossen Unterschied bedeuten, ob ihr von einer Tageszeitung zufällig die Weihnachts-Beilage oder aber die 14. Seite eines Dienstags im Februar überliefert wäre. Überlieferungslücken, betreffen vor allem den Mittelalterhistoriker. Mit dem Beginn des Akten-Zeitalters, und damit für den Neuhistoriker, werden die Probleme andere. Und abermals andere sind sie natürlich für den Zeithistoriker. Man denke nur an die Aktenproduktion der modernen Verwaltung: Nach fünfeinhalb Jahren Regierungszeit hat die Nixon-Administration 42 Millionen Seiten Dokumente hinterlassen. Doch auch für den Zeithistoriker ist es ein Problem der Proportionen, die er der Materialmasse entzieht, und so muss er angesichts der Materialfülle andere Tugenden entwickeln als der Historiker des Mittelalters, vorwiegend die Tugend der bestmöglichsten Objektivität und der Seriosität. In immer mehr Akten steht immer weniger drin. Dass sich der Archivar, dass sich die Gegenwart solcher Überlieferungsmassen erwehren muss, liegt auf der Hand. Aber wie sich erwehren?
Wir begannen mit der Frage, was wir denn gern überliefert bekämen, und sehen uns nun zum Schluss der Frage gegenüber, was wir denn unsererseits überliefern wollen. Denn mit dem (unter Archivaren so genannten) "Aussonderungs- und Wertungsverfahren" bestimmen wir, bestimmt der Archivar, was endlich der Überlieferung für wert zu halten sei ‑ er vereinigt gewissermassen Chance und Zufall in seiner Person: Wahrhaftig eine fast göttliche Macht, freilich mit durchaus menschlichen Zügen, mit (manchmal sehr persönlichen) Auswahlkriterien, die dann noch von Generation zu Generation wechseln. Gerade die Frage nach künftiger verantwortlicher Überlieferungsbildung sollte uns zutiefst beunruhigen. Wie würden wir denn moderne Gesellschaft repräsentativ abbilden, wenn wir nur 1% der anfallenden Akten auslesen dürften? Und wie wird man einmal über unser Ausleseverfahren, über unsere Vorstellung von Archivwürdigkeit urteilen? Das Verfahren, wie der Archivar seine eigene Zeit dokumentiert, was er auswählt und was eben nicht, darf kein zufälliges sein. Dazu kommt noch, dass er ja wiederum nur eine Auslese der Geschichte erhält, nämlich nur gerade das, was Behörden und Verwaltung einmal beschäftigt hat und ans Archiv abgeliefert werden muss - und dies ist tatsächlich nur ein Aspekt unseres Daseins, denken wir nur daran, dass die Mehrheit der Bevölkerung ausser beim Steueramt, bei der Einwohnerkontrolle und beim Zivilstandsamt niemals aktenkundig wird. Angesichts dieser Tatsache sollte der Archivar stets nach ergänzenden Quellen Ausschau halten. In Frage kommen unter anderem Nachlässe von Privatpersonen, Familien- und Vereinsarchive, Archive von aufgelösten Firmen, um nur einige mögliche zusätzlichen Illustrationen zu unserer Zeit zu nennen. Ich komme zum Schluss. Was Überlieferung uns gibt und was nicht, wie Überlieferung uns leitet und wie sie uns verleitet, ist ein Problem, das sich mehr oder minder in allen Disziplinen stellt, die mit historischen Prozessen zu tun haben. Was kann der Historiker also tun? Wahrscheinlich nicht viel mehr, als sich dieses Problem wenigstens ins Bewusstsein zu heben und der Versuchung zu widerstehen, seine Resultate als "exemplarisch" auszugeben, was doch im Falle des Mittelalters nur einfach übrig geblieben oder im Falle der Neuzeit aus ideologischen Gründen aus der Aktenmasse herausgesucht worden ist: das erinnert an Kinder, die um den Zufallstreffer herum nachträglich die Zielscheibe malen. Wir sollten uns bei überlieferten Beständen vermehrt fragen und dabei noch mehr auf Indizien achten, die die Verzerrung, die Umverteilung von Wirklichkeit durch die Überlieferung anzeigen, und Kriterien entwickeln, die zur Entzerrung beitragen könnten. All das diene der Aufgabe, ein massstabsgerechtes Bild zu gewinnen. Freilich: die Massstäbe unserer Erkenntnis liegen dann nicht allein im Material, sondern auch in uns selbst, in unserer Fragestellung, in unserem Bild vom Menschen - ob wir im früheren Menschen den Fremden oder den Vertrauten suchen.
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