Aufsätze Der Schwabenkrieg 1499Dr. Peter Scheck, Stadtarchivar |
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Seit der Einführung der Reichsreform durch König Maximiliam mit der Schaffung des Reichskammergerichtes 1495 und dem Lindauer Reichstag 1496/97 lag ein Krieg zwischen Eidgenossen und Reich mitsamt Österreich und dem Schwäbischen Bund in der Luft. Um den Ausbruch des Schwabenkrieges vorauszusehen, brauchte man damals wahrlich kein Prophet zu sein - es genügte vollends, als Zeitgenosse von damals den rundum sich verdüsternden politischen Horizont zu betrachten. Diesem Spektrum von Tendenzen und Situationen, in deren Bann der Eidgenosse des 15. Jahrhunderts lebte und aus denen dann schliesslich der Schwabenkrieg resultierte, sei diese kurze Darstellung gewidmet. Nicht die Geschehnisse dieses erbitterten Krieges stehen dabei im Zentrum der Betrachtung, sondern einerseits die Hintergründe, die am Ende des Mittelaltes zu dieser blutigen Auseinandersetzung führten, andererseits aber - für und besonders wichtig - die unmittelbaren Folgen für die Stadt Schaffhausen. Zum einen verteidigten und festigten ja die Eidgenossen im Schwabenkrieg die noch in keiner Weise ratifizierte Loslösung vom Deutschen Reich, anderseits waren die damaligen Ereignisse so etwas wie der Katalysator im Verhältnis der Schaffhauser zur Eidgenossenschaft, der das 1454 zwischen den beiden Partnern geschlossene Schutz- und Trutzbündnis zur eigentlichen, Anno 1501 besiegelten Brüderschaft ausreifen liess. Politische VoraussetzungenSeit dem Untergang der Staufer 1254 begannen sich im deutschen Reich alle reichsfreien Herren und Städte auf Kosten der Reichsgewalt zu emanzipieren, ihre Untertanengebiete zu organisieren und durch Tausch, Kauf und Eroberung zu erweitern. Zögernd und allmählich bildeten sich aus diesen Gebieten Staaten mit Rechts- und Gewaltsmonopol und klar umrissenen Territorien. So wurde das Reich zu einer eigenartig lockeren Genossenschaft von Territorien unter dem Präsidium des Königs und Kaisers. Der Kaiser selber war zu einem Reichsfürsten unter anderen abgesunken. Doch immer wieder versuchten die deutschen Könige und Kaiser - allerdings vergeblich - das Reich unter eine zentrale Gewalt zu bringen. Denn dazu musste zuerst die Reichsverfassung grundlegend geändert werden, und das bedeutete, das Rad einer viele Jahrhunderte alten Entwicklung wieder zurückzudrehen, mindestens zurück bis in die Zeit Kaiser Barbarossas. Dies war jedoch praktisch unmöglich angesichts der Vielzahl von Landesherren, von Fürsten, Grafen und Freiherren, von geistlichen und weltlichen Kurfürsten, von Fürstbischöfen, Reichsäbten und Reichsprälaten, Reichsstädten und Reichsbauernschaften. Alle zwar von höchst unterschiedlichem politischen Gewicht und von unterschiedlicher Machtausdehnung, doch jeder auf seiner Reichsfreiheit beharrend. Keiner wollte sich der kaiserlicher Gerichtsautorität noch dem kaiserlichem Aufgebot im Krieg fügen und noch weniger Reichssteuern bezahlen. Es war also keineswegs so, dass nur die Eidgenossen innerhalb des Reichsverbandes eine ziemlich selbständige Rolle spielten. Der ganze Süden des deutschen Reiches war ein Gewirr von Machtinteressen. Ende des 15. Jahrhunderts hatten sich die politischen Verhältnisse in der Eidgenossenschaft weitgehend gefestigt. Die schweren inneren Krisen nach dem Alten Zürichkrieg waren beendet, äussere Gegner nach den Burgunderkriegen nicht zu befürchten; eine stete Entwicklung auf längere Sicht unter weitgehender Autonomie schien sich abzuzeichnen. Aber auch auf dem Nordufer des Bodensees war man auf dem Weg, die bis dahin herrschende Zersplitterung weitgehend zu überwinden. Wenn bisher der grosse und der kleinere Adel, die geistlichen Herrschaften und die Reichsstädte immer wieder untereinander zerstritten waren und alle gemeinsam der Übermacht Österreichs misstrauten, so bahnte sich plötzlich eine Entwicklung an, die recht wohl zu einem ähnlichen Element der Ordnung, des inneren Friedens und der Stabilität hätte werden können, wie es die Eidgenossenschaft geworden war. Es war dies der Schwäbische Bund, der im Frühjahr 1488 gegründet wurde. Die Gründung des Schwäbischen BundesDie bayerischen Ausdehnungsgelüste Richtung Westen waren der Auslöser für die Gründung des Schwäbischen Bundes, und zwar auf unmittelbare Veranlassung des Kaisers. Kaiser Friedrich III. hielt sich in den letzten Jahren seines Lebens oft und gerne in den schwäbischen Reichsstädten auf. Der Schwäbische Bund sollte den Zusammenschluss aller Adeligen, der geistlichen Fürsten und Reichsstädte in Schwaben herbeiführen, um unter der Führung des Kaisers für den Landfrieden zu sorgen und der Reichspolitik zu dienen. Im Juli 1487 wurden die Reichsstädte und der Reichsadel nach Esslingen geladen und mit sanfter Gewalt wurden die Widerstrebenden zur Annahme des grossen Planes gezwungen. Mit dem Schwäbischen Bund sollte der Kaiser ein Machtinstrument in die Hand bekommen. Stärker als in allen anderen Landschaften sollte in Schwaben die Reichsautorität gegründet sein und von hier in das Reich ausstrahlen. Das ging natürlich auf Kosten der bisherigen Freiheit von Landesherren und Reichsstädten, zumal der Kaiser damit eine Beseitigung aller bisherigen Bündnisse zunächst kategorisch und bei hoher Strafe befahl. Immerhin erklärten im Februar 1488 die meisten Reichsstädte Oberschwabens ihren Beitritt. Dazu kamen zahlreiche Adlige, die Reichsritterschaft und, als die gewichtigsten Mitglieder, Graf Eberhard von Württemberg und Herzog Sigmund von Österreich. Die von oben herab befohlene und durchgesetzte Gründung stiess nicht von vornherein auf allgemeine Begeisterung. Zu lange war man von der Reichsgewalt im allgemeinen und von Kaiser Friedrich III. im besonderen in allen Dingen vernachlässigt worden, als dass man diese plötzliche Betriebsamkeit ernst genommen hätte. Jetzt sollte plötzlich eine machtvolle Organisation mit kompliziertem Apparat geschaffen werden. Dass der offenbare Grund dieser ungewohnten Energie in der Verwirklichung der habsburgischen Hausinteressen lag, machte die ganze Sache nicht anziehender. Vor allem bei den Reichsstädten bestanden lebhafte Bedenken. Die meisten von ihnen brachten dem Projekt erhebliche Vorbehalte entgegen und zögerten den Beitritt nach Möglichkeit hinaus. Die eidgenössischen Orte waren natürlich rundweg gegen die neue und so unangenehm straff organisierte Landfriedensbewegung. Der Schwäbische Bund war zwar nicht gerade gegen die Eidgenossenschaft gerichtet, aber er machte sie nervös. Wie jede selbstbewusste und auf Expansion gerichtete Macht hatten die Eidgenossen damals am liebsten nur schwache Staatswesen als Nachbarn; dass sich die Nachbarn an ihrer Nordgrenze zu einem ähnlichen festen Bund zusammenschlossen, wie sie ihn selbst gebildet hatten, empfanden sie als Bedrohung. Sie waren ebenfalls zum Beitritt in den Schwäbischen Bund aufgefordert worden, selbstverständlich vergebens. Es war auch unvorstellbar anzunehmen, die Eidgenossen, jetzt nach den Burgunderkriegen eine der ersten Militärmächte Europas, würden ihre politische Handlungsfreiheit aufgeben und sich einer Organisation einfügen, in der Habsburg-Österreich eine führende Rolle spielte. Im Jahr 1490 trat dann König Maximilian selbst dem Schwäbischen Bunde bei in seiner Eigenschaft als Herr der habsburgischen Vorlande. Damit erhielt der Schwäbische Bund eine andere Zielsetzung, denn der König war bestrebt, die militärischen und finanziellen Kräfte des Bundes noch stärker der Reichspolitik dienstbar zu machen. Daran änderte sich auch nichts, als Kaiser Friedrich III. im August 1493 starb und sein Sohn Maximilian sein Nachfolger wurde. Konstanz und die beiden MachtblöckeSo bestanden, nach einem Jahrhundert der Anarchie, auf einmal nördlich und südlich des Bodensees zwei festgefügte politische Organisationen: die Eidgenossenschaft, die man sich fast immer mehr gewöhnte die »Schweizer« zu nennen, und der Schwäbische Bund; so wie von jetzt an überhaupt im allgemeinen Sprachgebrauch die Bezeichnung »Schwaben« vorzugsweise an den Bewohnern des Landes östlich des Schwarzwaldes und nördlich des Bodensees haften blieb. Von den beiden grossen politischen Verbänden war die Schweizerische Eidgenossenschaft zweifellos die stärkere. Die militärischen Aufgebote der Eidgenossenschaft gehörten zu den besten der Welt, mit reicher kriegerischer Erfahrung, guter Bewaffnung und zahlreichen tüchtigen Führern. Demgegenüber musste der Schwäbische Bund eine ernsthafte Bewährungsprobe erst noch bestehen, und niemand konnte sagen, wie er sie bestehen würde. Es war zu bezweifeln, ob die durch keinerlei Tradition und durch keine gemeinsame Erfahrung zusammengehaltenen vielfältigen Aufgebote so ungleichartiger Bundesmitglieder sich zu einem im Felde brauchbaren Heer zusammenfügen würden, und ob in der Leitung die alten Eifersüchte und das alte Misstrauen aller gegen alle überwunden werden könnte. Zudem war eine Begeisterung für die Bundesaufgaben und Bundesinteressen das letzte, was man erwarten konnte. Zwischen den beiden Machtblöcken standen einige Neutrale, denen es schwer fallen musste, sich für den einen oder den andern zu entscheiden. Die schwierigste Stellung hatte dabei der Bischof von Konstanz. Sein Bistum lag sowohl auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft als auch dem des Schwäbischen Bundes. So war für die Konstanzer Bischöfe eine vorsichtige Neutralität die vorteilhafteste, ja fast die einzig mögliche Haltung. Ebenso schwierig wie für den Bischof war die Entscheidung für die Stadt Konstanz, denn sie hing auf das engste zusammen mit dem thurgauischen Problem. Am Ende des Konstanzer Konzils konnte die Reichsstadt Konstanz das Landgericht mit der hohen Gerichtsbarkeit im Thurgau erwerben. Der andere Teil, die sogenannte Landvogtei mit der niederen Gerichtsbarkeit, geriet bekanntlich 1460 durch Eroberung in die Hand der Eidgenossen. Es war selbstverständlich, dass auch der Konstanzer Adel und die reichen Bürger vor allem im Thurgau begütert waren und in grösserer Zahl Burgen und Herrschaften besass. Dank dieser Gerichtshoheit hätte sich eines Tages die volle Territorialherrschaft ergeben können, aber seit der Eroberung durch die Eidgenossen im Jahr 1460 war die Verwaltung der reichen thurgauischen Landschaft durch zwei verschiedene Herrschaften eine ständige Quelle von Verdruss und Streit. Da entstand durch die Gründung des Schwäbischen Bundes mit einem Schlag eine neue Situation. Jetzt erst wurde der Gedanke ausgesprochen, und zwar von Zürich und Bern, es könnte nützlich sein, Konstanz in ähnlicher Weise wie Schaffhausen in Verbindung zur Eidgenossenschaft zu bringen. Zürich erhielt von der Tagsatzung den Auftrag, durch eine Gesandtschaft nach Konstanz den Beitritt der Bodenseestadt zum Schwäbischen Bund zu verhindern und der seit zwei Jahrhunderten befreundeten Stadt nahezulegen, sie möge sich statt des Schwäbischen Bundes eher dem der Eidgenossen anschliessen. Der Vorschlag fiel auf günstigen Boden, warf aber einige Fragen auf: Würde Konstanz als gleichberechtigtes Mitglied der Eidgenossenschaft beitreten oder nur mit geringerem Recht als »Zugewandter Ort«, der mehr Verpflichtungen als Rechte hatte? Und wie würden sich die Eidgenossen einem eidgenössischen Konstanz gegenüber in der Thurgaufrage verhalten? Zürich, Bern, Luzern, Schaffhausen ‑ alle diese Städte hatten ihre eigenen städtischen Territorien und Untertanengebiete; würde man der Stadt Konstanz durch Anerkennung ihrer vertraglichen Rechte die Bildung eines ähnlichen Territoriums im Thurgau gestatten? Die inneren Orte hatten Bedenken und es gelang den Konstanzern nicht, auf ihre Fragen klare Antworten zu bekommen, trotz jahrelanger Verhandlungen und obwohl sich Zürich mit allem Nachdruck für die befreundete Bodenseestadt einsetzte. Zudem geschah noch eine jener blinden Willkürlichkeiten, an denen die alte Eidgenossenschaft so reich ist: der Judenzug gegen Konstanz vom Jahr 1495. Die eidgenössische Landvogtei im Thurgau war geneigt, nach Möglichkeit die Juden auszuweisen. Die Frist wurde mehrfach verlängert, damit die Juden ihre ausgeliehenen Gelder einziehen konnten. Da grosse Kapitalien innerhalb weniger Jahre flüssig gemacht und aus der thurgauischen Wirtschaft herausgezogen werden mussten, kam es zu beträchtlichen Schwierigkeiten. Als einige säumige Schuldner beim Konstanzer Landgericht verklagt und von diesem bis zur Zahlung der Schulden in die Acht getan, teilweise gefangen gesetzt wurden, gab dies einen ausreichenden Grund zu einem neuen innerschweizerischen Freischarenzug. Unter Führung des Urner Landweibels zogen über tausend Kriegsleute aus Uri, Unterwalden und Zug in den Thurgau, um die Stadt Konstanz als Beschützerin der Juden zu strafen. Vergeblich schickten Zürich und Schwyz Gesandte zu den Freischaren, die auf die bestehenden Verträge hinwiesen und zum Frieden mahnten; sie wurden nicht gehört. Der Konstanzer Bürgermeister, der in Zürich um Vermittlung bitten wollte, fiel unterwegs in die Hände der Freischaren. Die Stadt musste viertausend Gulden zahlen, um die wilden Krieger zur Heimkehr zu bewegen; nachdem diese auch bei den angeblich vor den Juden zu beschützenden Thurgauer Bauern noch etliche Beute gemacht hatten, zogen sie schliesslich nach Hause. So entfernten sich die Nachbarn und jahrhundertelangen Freunde immer weiter voneinander, eine gütliche Lösung des Problems war kaum noch zu erhoffen. Der bernische Chronist Anshelm, aus Rottweil gebürtig, sprach damals, Konstanz wäre in die Eidgenossenschaft gegangen, wenn es nicht die Missgunst der Länderkantone verhindert hätte. KuhschweizerDass es innerhalb weniger Jahre zum Zusammenstoss zwischen den beiden grossen politischen Verbänden, dem schwäbischen und dem schweizerischen kam, hatte allerdings gewichtigere Gründe als diesen lokalen Zwist. Dabei ist die gegen das Ende des 15. Jahrhunderts die rasch wachsende Feindschaft zwischen Schwaben und Eidgenossen eine merkwürdige Erscheinung nicht leicht zu begreifen. Es waren kaum sachliche Meinungsverschiedenheiten, die man sich gegenseitig übelnahm. Die damals aufkommende Rivalität zwischen eidgenössischen Söldnern und deutschen Landsknechten in den Heeren der europäischen Fürsten mochte dazu beigetragen haben, denn jeder Kriegshaufen rühmte sich der grösseren Tüchtigkeit und Tapferkeit und der besseren Bewaffnung; wo Landsknechte gegen eidgenössische Söldner fochten wurde besonders erbittert und hartnäckig gekämpft. Dazu kam das gesteigerte Selbstbewusstsein der Eidgenossen, vor allem der Innerschweizer, das bei Anlässen wie dem Judenzug in den Thurgau sich geräuschvollen Ausdruck suchte, dazu kam auch der Stachel in jedem österreichisch gesinnten Herzen wegen des Verlustes der alten habsburgischen Stammlande. Dem seit Morgarten und Sempach gepflegten antiösterreichischen Affekt der Eidgenossen trat jetzt ein antischweizerischer Affekt im schwäbischen Raum entgegen, und er äusserte sich auf eine wenig feine, aber für die Eidgenossen höchst kränkende Weise: Sie wurden Kuhschweizer beschimpft, der Sodomie bezichtigt und hierauf eine Vielzahl phantasievoller Varianten ersonnen; man schrie muh und mäh, wenn man Schweizern begegnete. Missglückte ReichsreformDoch weit ernsthafter war der Konflikt um die Beteiligung an den Einrichtungen des Reiches und an der von König Maximilian energisch vorangetriebenen Reichsreform. Er wollte mehr als nur den Schwäbischen Bund und nach dem Vorbild der grossen europäischen Nationalstaaten, Frankreich und England, die deutsche Nation zu einem einheitlichen und gelenkten Staatswesen machen. Er war bestrebt, die Reichsgewalt zu stärken, und er hatte dabei das hinter sich, was man eine öffentliche Meinung nennen könnte. Nur jene Kreise waren Gegner dieser Reform, auf die es ankam, die Landesherren, die Fürsten und auch die Reichsstädte. 1495 auf dem Reichstag zu Worms wurden die entscheidenden Entschlüsse gefasst. Es ging um vier Dinge. An erster Stelle stand ein ewiger Landfrieden, durch den für alle Zeiten Fehden und Kriege zwischen Bundesmitgliedern verboten wurden. Dieser Punkt machte am wenigsten Schwierigkeiten. Man wusste durchaus, wie leicht man jeden Angriff durch geeignete Manipulationen zur reinen Selbstverteidigung und den Überfallenen zum Alleinschuldigen stempeln kann; wer tatsächlich im Unrecht ist, entscheidet dann der Sieger. Etwas heikler war der nächste Punkt, die Schaffung eines obersten Reichsgerichts, das über alle Streitigkeiten im Reich in höchster Instanz entscheiden sollte. Dieses Reichskammergericht war von Anfang an eine jämmerliche Sache. Die Richter mitsamt allem übrigen Personal wurden schlecht und oft überhaupt nicht bezahlt, das Gericht war daher immer nur ungenügend besetzt, die Prozesse schleppten sich durch Jahrzehnte dahin, und da es keine Reichspolizei und keine Reichsexekutive gab, kümmerte sich niemand um die Urteile, selbst wenn einmal solche ergingen. Alles Recht im Reich blieb immer mehr oder weniger eine Machtfrage, so wie es vor der Schaffung des Reichskammergerichtes auch gewesen war. Der dritte Reformpunkt war der schwierigste: die Schaffung einer Reichssteuer zur Deckung der Reichsausgaben. Denn es fehlte nicht nur eine Reichspolizei, es fehlte auch eine Reichsfinanzverwaltung, und keinem der zahllosen Reichsstände fiel es ein, plötzlich etwas zu bezahlen, was er bisher nicht bezahlt hatte. Schliesslich wurde wenigstens die Erhebung einer Art Kopfsteuer zur Deckung der Kosten des Kammergerichts beschlossen; aber auch da erhob sich allgemeines Wehgeschrei unter denen, die zahlen sollten, und die Beiträge blieben in aller Regel unbezahlt. Schliesslich und als letztes wurde die Bildung einer Reichsregierung für politische Angelegenheiten, eines Reichsregiments verlangt. Gegen dieses war Kaiser Maximilian selbst, und mit einigem Recht. Denn die gleichen Stände, die sich energisch weigerten, zu den Lasten der Reichsverwaltung irgend etwas beizutragen, wollten in allen Fragen der Reichspolitik soweit wie möglich dreinreden. Das konnte nicht gut gehen. Es wurde daher zwar eine Art von Regierung beschlossen, aber niemand hörte auf ihre Entscheidungen, weder der König noch die Reichsstände, und so löste sie sich nach wenigen Jahren selbst wieder auf. Die ganze Reichsreform war damit ins Wasser gefallen. Die Eidgenossen gingen, mit Ausnahme der Stadt Bern, gar nicht auf den Reichstag zu Worms, obwohl sie sich als Mitglieder des Reiches fühlten, und sie lehnten alle Beschlüsse über die Reichsreform ab. Das Ergebnis aller Versuche Maximilians, die Eidgenossen für die Reichsreform zu gewinnen, war ein glattes Nein. Der Ausbruch des KriegesViel Zündstoff war mit der Zeit zusammengekommen. Der Schwäbische Bund beriet schon im Frühjahr 1497 auf einer Tagung zu Überlingen Massnahmen für den Kriegsfall und beschloss eine Sturmordnung; und auch die Eidgenossen begannen eine Kriegssteuer einzuziehen und die Grenzen zu besetzen. Mehrfach kamen Gerüchte auf, der feindliche Einfall stehe unmittelbar bevor, und schon im Sommer 1497 bereiteten sich die Eidgenossen auf einen Krieg vor, sorgten für gleichmässige Bewaffnung und planten Bollwerke und Verschanzungen. Auch der Schwäbische Bund begann an den Grenzen zu rüsten und bei Konstanz und Bregenz Truppen zu sammeln. Trotzdem brach der längst erwartete Krieg schliesslich nicht am Bodensee aus, sondern in den rätischen Bergen. Das heutige Graubünden gehörte damals noch nicht zur Eidgenossenschaft. Die zahlreichen Gebirgstäler hatten sich im Lauf des 14. und 15. Jahrhunderts in drei verschiedenen Bünden der Bauern, des Adels und der geistlichen und weltlichen Herren organisiert, dem Grauen Bund, dem Gotteshausbund und dem Zehngerichtebund, und diese Bünde hatten mit den Eidgenossen der Innerschweiz und mit Zürich mehr oder weniger enge Beziehungen angeknüpft, auch einige gegenseitige Hilfsverträge waren geschlossen worden. Die nächste Folge war ein offensichtlich gegen Österreich gerichtetes Bündnis des Grauen und des Gotteshausbundes mit den Eidgenossen im Jahr 1498. Unmittelbar an der Grenze von Tirol, in einem Seitental des Vintschgaues, lag seit der Karolingerzeit das Frauenkloster Münster oder Müstair, an dessen Vogteirechten der Bischof von Chur ebenso wie die Grafschaft Tirol beteiligt waren. Eine derart geteilte Verwaltung führte in ähnlicher Weise zu Streitigkeiten wie im Thurgau. Schliesslich kam es seitens der tirolischen Regierung in Innsbruck zu einer Gewalttat. Tiroler Kriegsleute besetzten das Kloster Münster; wenig später wurden sie aber von den Bündnern hinausgeworfen, und diese befestigten nun ihrerseits das kleine Kloster. Dabei floss im Dezember 1498 das erste Blut. Die Bündner wandten sich nun an die Eidgenossen, die tirolische Regierung an den Schwäbischen Bund um Hilfe. In kürzester Frist marschierten die Kriegshaufen beider Parteien entlang der weiten Grenze vom Vintschgau bis zum Bodensee und von dort bis zum Sundgau gegeneinander auf. Der Schwäbische Bund setzte einen Kriegsrat aus vier Mitgliedern ein, der von Konstanz aus den Feldzug leiten sollte. Zwar wurde auch jetzt nochmals lebhaft um die Erhaltung des Friedens verhandelt. Der Bischof von Konstanz, zwischen den Parteien stehend und mit beiden im Bündnis bemühte sich schon im eigenen Interesse um einen Waffenstillstand. Ihm und dem Bischof von Chur gelang es auch, beide Seiten nochmals an den Verhandlungstisch zu bringen, und ein friedlicher Ausgleich schien möglich. Ein zufälliger Zwischenfall machte alledem ein Ende. Schwäbische Landsknechte von der Burg Gutenberg im oberen Rheintal, heute in Liechtenstein, riefen den schweizerischen Truppen auf der andern Seite des Stromes die üblichen Neckereien zu; sie schrien muh und Kuhschweizer, auch hatten sie einigen Kühen Brautkleider angezogen und riefen nun über den Rhein, die Schweizer sollten als Hochzeiter hinüberkommen, und dergleichen mehr; worauf die über den Strom setzten, etliche Häuser anzündeten und einige Spötter totschlugen. Und nun war kein Halten mehr, ohne weitere Kriegserklärung begannen die Feindseligkeiten entlang der ganzen Grenze. Zuerst wurde der Krieg dort geführt, wo er begonnen hatte, im oberen Rheintal. Die Truppen des Schwäbischen Bundes besetzen die Stadt Maienfeld, aber am 12. Februar zogen die Eidgenossen mit aller Mannschaft aus dem Toggenburg über den Rhein und nahmen Maienfeld ein; dann eroberten sie Vaduz, erschlugen angeblich vierhundert Schwaben, nahmen den Freiherrn von Brandis gefangen und verbrannten die Stadt. Mit den dazugezogenen Appenzellern zusammen rückten sie jetzt in den Walgau bei Feldkirch; die Bauern mussten ihnen Gehorsam schwören. Der erste grössere Kampf des Schwabenkrieges fand am 20. Februar bei Hard unweit der Einmündung des Rheins in den Bodensee statt, wobei die Soldknechte des Schwäbischen Bundes nicht gut bestanden und anderseits das kriegerische Selbstgefühl der Eidgenossen, die ohne Rücksicht auf die Überzahl des Gegners angriffen, zum ersten grossen Erfolg führte. Bei einer Begegnung der beiderseitigen Vorhuten wichen zwölfhundert Mann des Schwäbischen Bundes vor vierhundert Eidgenossen auf ihr befestigtes Lager zurück, worauf letztere die auf einen Kampf nicht vorbereitete schwäbische Hauptmacht von angeblich zehntausend Mann attackierten. Gleich darauf griff der eidgenössische Gewalthaufen ein; nur einige schwäbische Geschütze kamen zum Feuern, dann begann schon die allgemeine Flucht; ein Wunder, dass trotzdem nur fünf Geschütze in die Hand der Eidgenossen fielen. Angeblich wurden über 2200 Gegner von den Eidgenossen erschlagen, darunter auch viele Bürger oberschwäbischer Reichsstädte. Unter der Beute waren die Fahnen von Ulm, Ravensburg und des Abtes von Salem. Die Eidgenossen plünderten darauf das umliegende Land bis hinauf zu den Bergtälern, dann zogen sie »mit aufrechten, siegreichen Bannern« über den Rhein zurück, mit unermesslicher Beute an Vieh und Hausrat; selbst Betten, Pfannen und Tröge wurden mitgenommen. Hegauzüge der EidgenossenMit dem Treffen bei Hard hatte der Krieg ernsthaft begonnen, und beide Teile boten jetzt ihre gesamte Macht auf. Während die Truppen des Schwäbischen Bundes, gemietete Söldner vor allem, sich langsam gegen den Bodensee hin bewegten, wo zuerst Entscheidungen zu erwarten waren, handelten die Eidgenossen rasch. Am 13. Februar wurde von den Eidgenossen zu Zürich ein Zug in den Hegau beschlossen, angeblich weil die dortigen »schnitzigen junker« als erste den Vorstreit im Kampf gegen die Schweizer gefordert hatten. Ausserdem seien die Bürger von Schaffhausen, Diessenhofen und Stein durch die Schwaben geschmäht und geschädigt worden. Schon am 17. Februar rückten zwölftausend Mann von Zürich und Schaffhausen, von Bern und Freiburg zu einem umfassenden Verwüstungs‑ und Plünderungszug in die Herrschaft Nellenburg und den Hegau aus, ohne Widerstand zu finden. Einige Zuzüge der Reichsstädte, die bereits bis nach Engen gekommen waren, zogen sich jetzt vorsichtig wieder zurück, die Truppen des Herzogs von Württemberg gingen in das sichere Tuttlingen. Gailingen und Ramsen wurden von den Eidgenossen verbrannt. Darauf zogen sie gegen die Homburg, die sich trotz einer starken Besatzung von 63 Mann ergab und deren reiche Bestände an Korn, Wein und Edelmetall nach Schaffhausen gebracht wurden ‑ angeblich wurde hier ein Schatz von 10‘000 Goldgulden erbeutet. Gleich danach wurde Friedingen geplündert und verbrannt, die Burgen Staufen und Rosenegg erobert und zerstört; Hilzingen konnte sich um 1600 Gulden von der Plünderung freikaufen; der Abt des Sankt Georgenklosters zu Stein leistete für das Dorf Bürgschaft. Auch Randegg und Heilsberg fielen. Die grösseren Befestigungen konnten nicht bezwungen werden, Hohentwiel und Hohenhöwen verteidigten sich, nur die kleinen Schlösser und Burgen wurden zerstört; von den Eidgenossen wurde Gottmadingen auf Bitten der Frauen und der Greise verschont. Auch das Gebiet der lange mit Schaffhausen befreundet gewesenen Reichsstadt Überlingen wurde gemieden. Aber als sich die Eidgenossen vor die Stadt Engen legten, wurde diese durch den Grafen Wolfgang von Lupfen gut verteidigt. In einer Nacht rückte der unermüdliche Graf Wolfgang von Fürstenberg mit zweihundert Schützen unter Trommelwirbel und Pfeifenklang in die Stadt ein und kam den Belagerten zu Hilfe; da brachen die Eidgenossen ihr Unternehmen ab und zogen sich gegen den Rhein zurück. Bevor die in Tuttlingen, Fürstenberg und Engen versammelten Truppen des Schwäbischen Bundes sich über die Bekämpfung der Eidgenossen schlüssig geworden waren, hatten sich diese bereits nach Schaffhausen und Stein zurückgezogen. Allerdings, mehr als ein Plünderungszug war das Unternehmen nicht gewesen. Die Leidtragenden bei diesem Hegauzug wie überhaupt im ganzen Krieg waren die Bauern. Die Dörfer wurden ausgeraubt, das Vieh weggetrieben, die Landleute erstochen. Von den Burgen des Landes wehrte sich kaum eine, die meisten ergaben sich und wurden zerstört. Die Tagsatzung, der Bundestag der Eidgenossen, der die oberste Kriegsleitung hatte, erliess ein Verbot solcher sinnloser Verwüstungen vor allem des bäuerlichen Gutes; es hat nicht viel genützt. Aber sie befahl auch, im Gefecht keine Gefangenen zu machen, sondern alle Feinde totzuschlagen, wie es der frommen Altvorderen Brauch gewesen sei. Der Krieg wurde auf beiden Seiten in ungleicher Weise geführt. Die in zahlreichen Feldzügen nach Frankreich, gegen Burgund und Oberitalien erprobten Eidgenossen boten alle Kräfte auf und wurden von den Hauptleuten der einzelnen Orte und von der Tagsatzung straff geleitet. Auf der kaiserlichen und österreichischen Seite fehlte zunächst jegliche Leitung. Maximilian befand sich noch in den Niederlanden, und die einzelnen Länder und Städte handelten selbständig nach eigenem Ermessen. Vor allem sahen sie darauf, dass ihnen selbst wenig Schaden geschah und dass jeder von den Lasten der Kriegführung nach aller Möglichkeit verschont blieb. Dazu kam bald beim einfachen Söldner der Ruf der schweizerischen Unbesiegbarkeit; man verzweifelte, überhaupt gegen sie bestehen zu können, auch bei grosser Überzahl. Nur dadurch lässt sich die hemmungslose Flucht der Kaiserlichen meist bald nach Beginn des ernsthaften Kampfes erklären, auch wenn die Eidgenossen in viel geringerer Zahl auf dem Schlachtfeld waren. Schliesslich kam dazu die überlegene schweizerische Taktik. So geriet ein schwäbischer Heerhaufen, der von einem Plünderungszug über den Jura zurückkam, südlich von Basel beim Bruderholz in einen Hinterhalt und wurde trotz dreifacher Überzahl auseinandergetrieben; und ähnlich geschah es auch in der grossen Schlacht von Schwaderloh am 11. April 1499. Diese Schlacht von Schwaderloh ist neben dem Treffen von Hard wohl das grösste militärische Ereignis, das überhaupt jemals unmittelbar am Bodensee stattgefunden hat; eine nähere Betrachtung erscheint daher angebracht. SchwaderlohAm 11. April 1499 in der Morgenfrühe, einem Donnerstag, öffneten sich die Tore von Konstanz. Möglichst geräuschlos überschritten 4500 Fussknechte, 400 Reiter die Zugbrücken. Rasch ging der Marsch in der Morgendämmerung durch das Tägermoos; ein lustiger feiner Haufe, wie er in mancher Zeit nicht beisammen gesehen habe, schrieb Hauptmann Georg von Emershofen später an seine Heimatstadt Nördlingen. Als die Hähne krähten, brachen die Scharen in das Dorf Ermatingen ein. Die dort liegenden 400 Eidgenossen waren am Abend zuvor vergeblich gewarnt worden. Manche wurden in den Betten überrascht und erstochen. Andere verschanzten sich hinter der Kirchhofsmauer, zogen sich dann kämpfend in die Kirche zurück; dort ereilte sie der Tod. Die meisten flohen schliesslich nach dem nächsten Dorf Mannenbach. Als die Landsknechte dorthin nachrückten, kam es zu einem scharfen Gefecht. Schliesslich wich auch hier die Besatzung in die Wälder über dem Dorf. Die Haufen des schwäbischen Heeres lagerten zwischen den eroberten Dörfern, und die Landsknechte durchsuchten die Häuser nach guter Beute. Während schliesslich die Dörfer in Flammen aufgingen, zogen bereits die Vorsichtigen mit den erbeuteten Schätzen auf der Strasse nach Konstanz zurück. Während sich so der kleine Mann auf seine Weise beschäftigte, stritten sich die Führer. Zunächst war man verschiedener Ansicht über das weitere Vorgehen. Zu einem Beschluss kam es nicht. Ausserdem beanspruchte der oberste Anführer, Wolf von Fürstenberg, die beiden erbeuteten Feldgeschütze, während die Konstanzer der Ansicht waren, sie seien am besten in ihrem eigenen Zeughaus aufgehoben. Inzwischen herrschte reges Leben in den Wäldern am Schwaderloh. Von Eilboten gerufen, trafen die zerstreut liegenden Haufen der Eidgenossen im Waldlager ein. Der Brand von Ermatingen erbitterte die Bauern, der Verlust der zwei Geschütze und so vieler Freunde reizte die Kriegsknechte. Am Waldrand angekommen, wo der Hang sich seewärts gegen das Dorf Triboltingen senkt, erblickten sie auf den Wiesen die ungeordneten Haufen der Landsknechte, zum Teil lagernd, zum Teil bereits im Abmarsch nach Konstanz begriffen. Dann traten die Eidgenossen aus dem schützenden Wald heraus, nur 1500, ein Drittel von der Zahl der Gegner. In geschlossenem Haufen eilten sie den Hang hinunter und warfen sich auf den Feind. Auf der Wiese brach wildes Getümmel aus. Die Geschütze wurden abgefeuert, trafen aber zu kurz. Zu erneutem Schuss reichte es nicht mehr. Rasch sammelte sich die Reiterei der Schwaben um ihren Feldhauptmann, den Grafen Fürstenberg; und dann prallten die Haufen aufeinander. »Und ward ein sollicher Rauch und so ein Grimm mit Schiessen, Stechen, Hauen und Schlagen, dass ich gnugsamlich nit geschrieben kann«, sagt der Chronist. Aber die schlecht geordnete Reihe des kaiserlichen Fussvolkes hielt dem energischen Angriff der Schweizer nicht stand. Vergeblich stiegen die Anführer des Fussvolkes vom Pferd und stellten sich in die Reihen der Fechtenden; »Herr Burkard von Randegg schray die landsknecht, deren houbtmann er war, so fest an, dass sy sich zu der wehr stellten und standen so stark, dass stich um stich, streich um streich ging, bis ihnen zwei glieder zu boden gestochen wurden«, sagte später der schweizerische Chronist Diepold Schilling. Der Herr von Randegg fiel, und dann wurde das Fussvolk von Panik ergriffen, die Reihen lösten sich auf, blindlings jagten die Knechte über das Feld, warfen Waffen und Rüstung weg, suchten Hilfe und Rettung. Weithin war das Feld bedeckt mit weggeworfenen Waffen und zurückgelassener Beute. Dreizehn Geschütze blieben in der Hand der Sieger, dazu 31 Hakenbüchsen, darunter vier des Herzogs von Württemberg, zwei von Konstanz, zahllose beladene Wagen, und die Stadtbanner von Ulm und Wangen. Am westlichen Bodensee war nach der Schlacht von Schwaderloh für kurze Zeit Ruhe. Lebhafter als am Bodensee ging es im oberen Rheintal zu. Siebentausend Eidgenossen aller Orte beschlossen ein grösseres Unternehmen gegen die Reichstruppen in Vorarlberg. Zuerst wurde mit einem grösseren Heerhaufen die Festung Gutenburg südlich Vaduz belagert, aber vergeblich, die Belagerten konnten sich geschickt verteidigen. Nach jedem vergeblichen Schuss auf die Burg wischte die Besatzung höhnisch mit einem Besen die Mauern ab. Daher gaben die Eidgenossen schliesslich das Unternehmen auf. Sie zogen jetzt am 20. April gegen die grossen Verschanzungen bei Frastanz am Eingang des Walgaues. Eine grössere Abteilung umging das Lager auf schwierigen Gebirgswegen; dann wurde das feindliche Lager von beiden Seiten angegriffen. Im Gegensatz zu den Söldnern des Schwäbischen Bundes flüchteten die Tiroler und Vorarlberger nicht nach dem ersten Angriff, obwohl sie mit etwa 4000 Mann den Eidgenossen gegenüber in der Minderheit waren. Es kam zu stundenlangen Kämpfen. Schliesslich wurden auch hier die österreichischen Heerhaufen niedergekämpft. Weitere UnternehmungenIn den gleichen Tagen erfolgte ein Angriff auf den Klettgau. Gegen das wohlbefestigte Waldshut wagten sich die Eidgenossen nicht, aber Tiengen wurde belagert und kapitulierte schon nach einem Tag auf Gnade und Ungnade. Die Besatzung musste alles Gut zurücklassen und im Hemd hinausziehen. Die Küssaburg ergab sich in feiger Weise, wie ein späteres Kriegsgericht feststellte; Stühlingen wurde ebenso wie Tiengen verbrannt. Dann wurde ein neuer Plünderungszug in den Hegau unternommen. Erneut wurden die Burgen des Adels angegriffen und zerstört; Lindegg, Welschingen, Worblingen gingen in Flammen auf. Blumberg wurde belagert, aber tatkräftig verteidigt, und es fehlte den Angreifern an Geschützen. Dann wurde am 4. Mai, angeblich durch Verrat Blumenfeld eingenommen, das dem Deutschorden gehörte. Auch diesmal kam es zu schweren Auseinandersetzungen unter den eidgenössischen Führern. Die Berner und Freiburger befürchteten einen Einfall in ihr Gebiet von Basel aus und wollten nach Hause. Zahlreiche Kriegsleute verliessen auch auf eigene Faust das Lager und zogen auf selbständige Plünderungszüge oder einfach heimwärts. Von den Bernern seien in kurzer Zeit 500 Mann, von den Luzernern 400 davongelaufen, meldeten die empörten Hauptleute während des Hegauzuges. Vor Pfingsten, zu Ende Mai, sammelte sich dann erneut ein grosser Kriegshaufen der Eidgenossen mit den Bannern fast aller Orte zu Schaffhausen und Stein, um nochmals in den Hegau einzufallen. Zuerst wurde die Stadt Stockach belagert, die aber durch den Markgrafen von Baden energisch verteidigt wurde; auch das nahegelegene Schloss Nellenburg konnte nicht eingenommen werden. Schliesslich entstanden wieder Streitigkeiten im eidgenössischen Lager, und das Heer zog unter Verwüstung des Landes wieder zurück. Nachdem der zweite und dritte Hegauzug der Eidgenossen im wesentlichen gescheitert war, wurden nur noch selten kleine Unternehmungen durchgeführt. Als wenig später die Schaffhauser aus der Nähe von Engen eine Viehherde wegführten, rächten sich die von Radolfzell, indem sie das Schaffhauser Dorf Thayngen überfielen; die Bauern flüchteten in die Dorfkirche, lehnten todesmutig jede Übergabe ab und wurden mit dieser verbrannt. Die Rolle MaximiliansJetzt endlich, nachdem die Reichstruppen schon gefährlich viele Niederlagen erlitten hatten, kam Kaiser Maximilian an den Bodensee und übernahm die Leitung der Operationen. Ein energischer Aufruf des Kaisers gegen die Eidgenossen, in welchem diese » die bösen, groben und schnöden Bauersleute ohne Tugend und Mässigung, sondern mit Üppigkeit, Untreue und Hass der deutschen Nation«, geheissen wurden, änderte begreiflicherweise an den militärischen Kräfteverhältnissen nichts. Ende April kam er nach Überlingen und liess dort in der Kirche das Adlerbanner des Reiches entfalten. Graf Heinrich von Fürstenberg, dessen Bruder Wolfgang bei Schwaderloh so tapfer gekämpft hatte, wurde zum ersten Feldhauptmann ernannt, der Kaiser selbst machte grosse Feldzugspläne. Mitte Juli war er in Konstanz, wo jetzt eine grosse Kriegsmacht zusammengezogen wurde, etwa 2500 Reiter und zehntausend Fussknechte. Am 16. Juli führte der Kaiser das Heer aus der Stadt heraus und ordnete es in Schlachtstellung auf freiem Feld vor den Stadtmauern, unter wehendem Adlerbanner des Reiches; wohl mehr zu moralischer Ermutigung seiner Anhänger, als um die auf den Höhen lagernden Eidgenossen zu einem Angriff zu reizen. Götz von Berlichingen war als junger Knappe damals dabei und hat den schönen und eindrucksvollen, aber militärisch völlig nutzlosen Vorgang beschrieben. Der Kaiser, der gerne einen Angriff unternommen hätte, wurde von seinen zaghaften Kriegsräten überstimmt. So zog man schliesslich wieder in die Stadt, zum grossen Verdruss vieler Ritter. Der Kriegsrat des Schwäbischen Bundes hatte im übrigen eine recht geringe Meinung von den strategischen Fähigkeiten des Kaisers: er verfalle immer von einem Anschlag in den andern, seine Planungen seien ganz unbegründet und kindisch. FriedensverhandlungenAuf dem Bodensee kam es zu einem lebhaften Seekrieg, der kleinere Überraschungserfolge für beide Seiten brachte. Aber dieser Kleinkrieg führte keine Entscheidung herbei. Diese kam erst, als das vom Oberrhein her einfallende kaiserliche Heer unter dem Befehl des tapferen Grafen Heinrich von Fürstenberg bei Dornach südlich von Basel überrascht, angegriffen und geschlagen wurde. <Karte Dornach24> Dabei wog es schwer, dass der Graf von Fürstenberg gleich bei Beginn des Kampfes fiel. Der Sieg war nicht leicht gewesen; die Eidgenossen stiessen auf kampferfahrene Truppen, die den ganzen Tag über ihren Angriffen standhielten. Erst ein Zuzug frischer innerschweizerischer Truppen führte am Abend zum Rückzug der Kaiserlichen. Diese letzte Schlacht des Krieges fand am 22. Juli statt, sechs Monate nachdem er begonnen hatte. Die Niederlage von Dornach beendete zwar noch nicht die Kriegslust des Königs Maximilian, wohl aber die seiner Freunde, vor allem des Schwäbischen Bundes. An allen Fronten hatten die Schweizer gesiegt, in der Basler Gegend, am Bodensee, in Vorarlberg, in Südtirol. Man war des Krieges gründlich müde geworden, und man hatte auch kein grosses Vertrauen mehr in die staatsmännischen oder strategischen Fähigkeiten des Kaisers selbst. Sein tüchtigster Feldherr war gefallen. Schon vor der Schlacht von Dornach hatten die Eidgenossen wegen eines Friedens verhandelt, wobei die Geschichte von jenem heldenmütigen Thurgauer Mädchen geschehen sein soll, die der damalige Ravensburger Heerführer Pirckheimer erzählt. Danach schickten im Juni 1499 die Eidgenossen dem Kaiser einen Brief, worin sie sich gegen die Verleumdungen ihrer Gegner verteidigten: Gegen ihren Willen hätten sie die Waffen ergreifen müssen, und sie seien bereit, diese niederzulegen, wenn die bestehenden Meinungsverschiedenheiten durch Schiedsgericht oder durch freundschaftliche Vereinbarungen bereinigt würden. Der Kaiser gab auf diesen Brief keine Antwort. Der Brief der Eidgenossen war durch ein Mädchen aus der thurgauischen Nachbarschaft nach Konstanz hereingebracht worden. Pirckheimer erklärt dazu, es habe in jenem Krieg keine Partei Herolde verwendet, vielmehr wurden als Boten alte Frauen oder Mädchen geschickt. Jenes Mädchen stand nun in der Halle vor dem Zimmer, in dem der Kaiser mit seinen Räten verhandelte, und wartete auf Antwort. Einige Leute aus dem kaiserlichen Gefolge zogen es ins Gespräch, um von ihm Nachrichten über den Feind zu bekommen. Was die Schweizer für Pläne hätten, wurde es gefragt; es gab zur Antwort: »Sie erwarten euren Angriff«. Als man wissen wollte, wie stark die Schweizer seien, sagte das Mädchen: »Es reicht, um euch zurückzutreiben«. Als die Höflinge aber eindringlicher auf sie einredeten und die Zahl der Eidgenossen am Schwaderloh wissen wollten, bekamen sie zur Antwort: »Neulich bei dem Gefecht vor der Stadt hättet ihr sie zählen können, wenn die Flucht nicht eure Augen blind gemacht hätte«. Auf diese kecken Antworten kam es zu allgemeinem Gelächter in der Halle; einer von den Umstehenden wollte jedoch das Mädchen einschüchtern, drohte ihm den Kopf abzuschlagen und griff nach dem Schwert. Aber die Thurgauerin zeigte keine Furcht: »Du musst wirklich ein starker Held sein, wenn du kleine Mädchen totschlagen kannst. Wenn du solche Lust hast das Schwert zu ziehen, warum greifst du nicht die Schweizer an?«. Pirckheimer fügt hinzu: Diese Worte habe ich nicht ohne Freude angehört, und ich habe den Witz und die freimütige Rede des Mädchens bewundert. Das Ende des KriegesNun nahmen die Eidgenossen die Vermittlung des Mailänder Herzogs Galeazzo Visconti an, der sich bereit erklärte, für den Frieden zu wirken. Auf einer Zusammenkunft in Schaffhausen legten sie ihre Friedensbedingungen fest: Befreiung vom Kammergericht und vom Gemeinen Pfennig, Behauptung ihrer bisherigen Besitzungen und einiger neuer Eroberungen ‑ dabei handelte es sich um die österreichischen Besitzungen in Graubünden; ferner eine angemessene Kriegsentschädigung. Schliesslich solle Konstanz, da es Sitz des Bistums und »innerhalb des Kreises und Zirkels der Eidgenossen gelegen« sei, aus dem Schwäbischen Bunde ausscheiden und als freie Mittelstadt gewissermassen neutralisiert werden. Das war ziemlich massvoll und eine annehmbare Grundlage für die weiteren Verhandlungen, die zuerst in Schaffhausen durchgeführt wurden. Und obwohl Kaiser Maximilian zunächst mit grossen und törichten Gegenforderungen kam - er forderte unter anderem den Austritt Schaffhausens aus der Eidgenossenschaft -, konnten doch gemeinsame Verhandlungen zu Basel weitergeführt werden Zuerst kam es zu einem Vorvertrag, der mit einigen Änderungen am 22. September 1499, acht Monate nach Kriegsbeginn, abgeschlossen werden konnte. Österreich behielt seine rätischen Besitzungen, aber gestattete deren dauernde Verbindung mit den rätischen Bünden, was schliesslich zu ihrem völligen Verlust führte. Jede Unterstellung der Eidgenossenschaft unter Reichskammergericht und Reichsregiment fiel dahin, alle vor dem Reichsgericht gegen die Eidgenossen schwebenden Prozesse wurden aufgehoben. Das Landgericht im Thurgau wurde vom Kaiser aufgegeben, die Rechtsansprüche der Stadt Konstanz wurden gar nicht erwähnt. Eine unmittelbare Folge des Schwabenkrieges war der endgültige Anschluss von Basel und Schaffhausen an den eidgenössischen Bund, und damit die Erreichung und Überschreitung der Rheingrenze. Logischerweise hätte dazu auch der von Zürich geforderte Anschluss von Konstanz gehört, aber daran war angesichts der noch bestehenden Wunden aus dem Schwabenkrieg und des endgültigen Verlustes der thurgauischen Landgerichtsrechte nicht zu denken. In Schaffhausen dagegen war die Entwicklung für die Aufnahme in den eidgenössischen Bund reif geworden. Seit dem ersten Bund mit den sechs Orten von 1454, der 1479 nach seinem Ablauf erneuert wurde, hatten sich die Beziehungen der Stadt zu den Eidgenossen immer mehr gefestigt - ausserdem gab es kein zurück mehr. Der Schwabenkrieg hatte den Eidgenossen gezeigt, wie wichtig ein solcher Brückenkopf jenseits des Rheines in schwierigen Zeiten war, als sichere Ausfallspforte in die benachbarten Landschaften Hegau und Klettgau. Als im Frühjahr 1501 der Wunsch von Schaffhausen über eine Aufnahme zu gleichem Recht in den Bund behandelt wurde, machten nicht einmal die innerschweizerischen Länder Schwierigkeiten von Belang, obwohl es sich um eine eindeutige Stärkung der Städtegruppe handelte. So wurde Schaffhausen am 10 August 1501 endgültig als zwölfter Ort mit vollen Recht in den eidgenössischen Bund aufgenommen und damit wurde gleichzeitig die schweizerische Nordgrenze für alle Zeiten festgelegt Die Eidgenossen blieben dem Namen nach, noch bis zum Ende des Westfälischen Friedens, Mitglieder des Reiches; aber das Reich hatte ihnen nichts mehr zu befehlen. Die Eidgenossenschaft war als selbständiger Staatsverband anerkannt, als eigenes Staatswesen, das ohne rechtliche Bindung zum Reich sich künftig nach eigenen Gesetzen und eigenen Gesichtspunkten entwickeln sollte. Auch wenn im ganzen 16. und 17. Jahrhundert immer wieder von der Schweiz als einem Glied des Reiches gesprochen wurde, so war die tatsächliche Lösung mit dem Basler Frieden von 1499 erfolgt.
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