Aufsätze

Vom Imthurneum zum Stadttheater

Dr. Peter Scheck

 

"Von dem Wunsche beseelt, meiner Vaterstadt Schaffhausen einen bleibenden Beweis meiner Anhänglichkeit und Liebe zu ihr zu geben, habe ich die nachfolgenden Verfügungen getroffen." So schrieb der in London wohnende Schaffhauser Johann Conrad Imthurn am 1. August 1864 zu Beginn seiner Stiftungsurkunde, in der er der Stadt Schaffhausen 10'000 Pfund Sterling vermachte mit der Auflage, eine Anstalt zu errichten, die der Förderung ästhetischer und wissenschaftlicher Bildung zu dienen hatte.

 

Der Bau eines Musentempels

Imthurns Idee war es, Musik, Kunst und Bildung unter einem Dach, in einem nach ihm zu benennenden „Imthurneum“ zu vereinigen. Der Hauptzweck dieser Imthurn'schen Stiftung galt vor allem der Musik und dem Musikunterricht. Andererseits dachte der Stifter aber auch an die darstellende Kunst, sei es zur Präsentation von Kunstausstellungen oder zur Abhaltung von Vorträgen und Versammlungen des Kunstvereins oder anderen gemeinnützigen Vereinen. Das Theater war eigentlich nur toleriert, soweit die Erreichung der anderen Stiftungszwecke dadurch nicht beeinträchtigt wurden.

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Friedrich Peyer im Hof als zuverlässiger Treuhänder

Imthurn beauftragte seinen Bekannten, Nationalrat Friedrich Peyer im Hof, in seinem Namen alles vorzukehren, was erforderlich war, um einen unentgeltlichen Bauplatz zu erhalten, die Baupläne und Voranschläge zu entwerfen, den Bau auszuführen und die mit den Behörden nötigen Verhandlungen zu führen. Dieser nahm den Auftrag an die Hand und wie es hiess, "so schnell als möglich, bevor die Gemütlichkeit und die tausend Rücksichten von Behörden und Privaten alles verderben". Peyer im Hof hatte den Bauplatz rasch gewählt. Als zukünftiger Standort erwies sich die sogenannte "alte Metztg" auf dem Herrenacker samt Hinterhof bis zur Herrenstube als besonders günstig. Das Gebäude gehörte dem Kanton, der Hofraum aber der katholischen Gesellschaft. Sofort wurden Verhandlungen mit den Besitzern aufgenommen und nach einigem Hin und Her war es soweit, dass der Baugrund der Stiftung zur Verfügung gestellt werden konnte.

 

Georg Friedrich Peyer im Hof als Architekt

Die Pläne wurden von Peyers hochbegabten Sohn, Georg Friedrich entworfen. Für die umgerechnet 250'000 Franken Stiftungsvermögen war ursprünglich vorgesehen, dass die Baukosten 150'000 Franken betragen sollten. Der Rest sollte für den Betrieb und Unterhalt der Musikschule verwendet werden. Vor der Inangriffnahme des Baues wurden aber noch beschlossen, dass ein Wirtschaftslokal im Gebäude untergebracht werden solle. Aber auch in architektonischer Hinsicht wurde noch einiges geändert: so wurden steinerne Treppen angebracht, die Riegelwände durch Backsteinwände ersetzt, der Boden der Säle mit Parkett belegt, im Hauptsaal wurden schönere Brüstungen vorgesehen und die ganze äussere Architektur, insbesondere der Kuppelbau wesentlich monumentaler gehalten. Für diese zusätzlichen Wünsche wurden die Kosten um 20'000 Franken überschritten, was den Fonds für die Musikschule schliesslich auf 80'000 Franken reduzierte.

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Erste Theatervorführungen

Der Bau konnte im Sommer 1865 begonnen und bereits im Juli 1867 abgeschlossen werden. Die Musikschule konnte schon früher, am 1. Dezember 1866 ihren Betrieb aufnehmen. 1867 konnte das Haus mit Schillers „Jungfrau von Orleans“ eröffnet werden. Der Stifter war bei der Einweihung anwesend und wurde bei dieser Gelegenheit zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. Der Spielplan des ersten Jahres reichte von Shakespeare über Goethe bis zu Roderich Benedix und der beliebten Posse mit Gesang und Tanz. In die Besucherabonnements, die damals schon bestanden, waren auch die Konzerte des Musik­-Collegiums einbezogen.

Das Theater wurde bespielt von der Truppe des Prinzipals Stolte, die das Wanderleben aufgegeben und sich als ständiges Gastensemble in Schaffhausen niedergelassen hatte. Später verband sich das Theater mit den deutschen Städten Ansbach in Bayern und Konstanz zu einer Gastspielgemein­schaft, die von derselben Truppe bespielt wurde.

 

Eigenes Schaffhauser Ensemble

Es folgte eine Zeit, in der Schaffhausen ein eigenes Ensemble unterhielt. Vier Jahre lang leitete Fräulein Cornelia Donhoff das Theater. 1916 - 1926 brachte der damalige Direktor Otto Schwarz zunächst verschiedene Truppen nach Schaffhausen, stellte dann aber wieder ein eigenes Ensemble zusammen, das auch Winterthur bespielte. Die Verbindung dieser beiden Städte wurde bald ausgedehnt zum Städtebundtheater Konstanz - Schaffhausen - Winterthur unter der Direktion von Hermann Mayer. 1932/33 wurde kurze Zeit wieder ein freier Gast­spielbetrieb eingeführt, der aber 1933 - 1937 durch Ein­schaltung des 1920 gegründeten Theatervereins auf ein eigenes Ensemble umgestellt wurde. Zunächst beschränkte man sich auf 100 Vorstellungen pro Spielzeit. Die Direk­toren Erich Weidner, Marc Doswald und Carl Schneider leiteten das Theater in dieser Zeit. Jedoch unterstanden sie einer Theaterkommission, der der Stadtrat schon die Aufsicht über das Theater übertragen hatte. Mit dieser Einrichtung hatte gleichzeitig eine Subventio­nierung durch die Stadt eingesetzt, die vorläufig nur geringe Beträge zwischen 1‘000 und 5‘000 Franken jährlich aufwies, 1922 aber bereits auf 10‘0000 Franken angestiegen war.

1938 trat die Imthurnsche Stiftung das Theater an die Stadt Schaffhausen ab. Nun wurde der Musikschule, die bis dahin in dem Theatergebäude untergebracht war, ein eigenes Haus zugewiesen, womit dem Theaterbetrieb mehr Raum ge­schaffen wurde.

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Die Ausstattung des Theaters

Die äusseren Proportionen des alten Theaters glichen dem heutigen Bau. Hinter einer klassizistischen Fassade erhob sich die hohe Kuppel des Zuschauerraums. Wesent­lich niedriger schloss sich dahinter der Bühnenturm an. Die Grundfläche des gesamten Gebäudes betrug nur 9x27 m, da das östlich angrenzende Haus noch nicht wie heute einbezogen war.

Für das Publikum lag nur ein einziges Foyer im Erd­geschoss. Dort waren gleichzeitig Kasse und Garderoben für Parkett und Ränge untergebracht. Vom Foyer aus führte eine einzige Tür ins Parkett, das höher lag als heute, weil darunter die Warmluftheizung Platz finden musste. Auch die Ränge lagen höher, was die Sicht vom zweiten Rang nicht eben verbesserte. Die Zuschauer waren auf harten, engen Bankreihen untergebracht. Die beiden Ränge umfassten nur je 2 Reihen. Insgesamt hatte das Theater 540 in ihrer Qualität sehr unterschiedliche Plätze. Die Dekorationen der Gast­theater mussten - zum Teil zersägt - durch die engen Türen von Foyer und Zuschauerraum auf die Bühne transportiert werden. Der runde, kuppelbedeckte, ganz in rot gehaltene Zuschauerraum hatte aber trotz aller Unbequemlichkeit einen grossen Vorzug: er besass eine hervorragende Akustik.

 

Schaffhauser Zuglufttheater

Zuschauerraum und Foyer waren mit einem Blechdach be­deckt, dessen geringe Haltbarkeit den Verfall des Gebäudes beschleunigte. Die Schauspieler prägten bald einmal für das Imthurneum Bezeichnungen, die den Allgemeinzustand sehr negativ beur­teilen: "Flohbude, Wanzenhütte, Zuglufttheater, Freilicht­theater." Zwar lieben Schauspieler Übertreibungen, aber wenn man hört, dass das kleine Theater 117 Türen hatte, kann man sich denken, dass die beiden letzten Ausdrücke berechtigt waren. Das Theater war jedoch trotz aller Mängel bei der Bevöl­kerung durch seine intime Atmosphäre sehr beliebt. Es wurde wegen drohender Einsturzgefahr abgerissen und nicht, weil man sich ein moderneres Haus wünschte.

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Bauliche Verwahrlosung

Schon als 1938 das Gebäude von der Stadt übernommen wurde, war es in einem ziemlich verwahrlosten Zustand. Statt einer durchgreifenden Renovierung konnte man sich nur zu kleinen unzulänglichen Reparaturen entschliessen.

1948 schritt die Bauverwaltung ein und schickte den ersten Notruf an die Stadtverwaltung: "Gestern bin ich ins Imthurneum gerufen worden, wo man mich erneut und sehr eindringlich über den baulichen Zustand orientierte. Obwohl mir derselbe bekannt war, war ich überrascht über die zuneh­mende Verlotterung, die nun einen Grad erreicht hat, für die niemand mehr die Verantwortung übernehmen will. Ich muss daher dem Stadtrat mit aller Deutlichkeit erklären, dass auch ich jede Verantwortung ablehnen muss." Trotz der Warnungen der Bauverwaltung übernahm zu diesem Zeit­punkt noch der Stadtpräsident die volle Verantwortung für den baulichen Zustand, so dass alles beim Alten blieb.

1952 konnte aber nicht mehr übersehen werden, dass der Aufenthalt in dem Haus lebensgefährlich wurde. Während einer Probe des Tänzerpaares Clothilde und Alexander Sacharoff prasselten Stukkaturteile von der Kuppel in den glücklicherweise leeren Zuschauerraum, Durch das un­dichte Blechdach war Wasser eingedrungen und hatte das Gebälk faulen lassen. Jetzt musste sich der Stadtpräsident entschliessen, den Betrieb sofort einzustellen, zumal der Einsturz nicht der erste Unfall war. Schon früher waren die Heizungskanäle unter dem Zuschauerraum explodiert und technische sowie feuerpolizeiliche Anlagen reichten bei weitem nicht aus. Von der Schliessung des alten Theaters bis zur Eröffnung des neuen wurde im Saal des Gasthauses "Schaffhauser Hof" oder im "Casino" gespielt.

 

Planung und Ausführung des neuen Stadttheaters

Schon nachdem 1948 Stadtrat Schalch den oben zitierten Brief an die Stadtverwaltung geschrieben hatte, begann man den Umbau zu planen. Bis 1953 wurden verschiedene Projekte entworfen, neueste technische Möglichkeiten geprüft und Kosten berechnet. Als das Theater 1952 geschlossen werden wusste, beschleunigte man die Arbeiten. Durch einen günstigen Zufall konnte die Stadt das östlich ans Theater angrenzende Haus "Zum Luft", das der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde gehörte, dazukaufen. Wenn diese Erweiterung auch sehr willkommen war, so warf sie doch die fast vollendeten Pläne wieder um. Dennoch konnte die fertige Vorlage der Einwohnerschaft im Oktober 1953 zur Information zugeschickt werden. Wie in der Schweiz üblich, sollte auch über dieses Projekt die Bürgerschaft durch eine Abstimmung entscheiden. Bei 80% Stimmbeteiligung sprachen sich ca. 40% gegen und ca. 60% für den Neubau aus.

Die Vorbereitung wurde einer Baukommission anvertraut und die Schaffhauser Architekten Karl Scherrer und Paul Meyer wurden mit der Ausführung der Pläne beauftragt. 1954 begann man mit dem Abbruch des alten Hauses. Ursprünglich war vorgesehen, Umfassungsmauern und Kuppel des Zuschauerraumes und teilweise die Aussenwände des Bühnenhauses beizubehalten. es erwies sich jedoch, dass die Schäden im Mauerwerk grösser waren, als man erwartet hatte, und so blieben nur die Fundamente stehen. 1955 feierte man das Richtfest. Das folgende Jahr wurde der Innenausstattung gewidmet.

Unter den Gegnern des Projektes waren auch mehrere jüngere Architekten und Künstler, die die aufgestellten Pläne als zu traditionell und altmodisch empfanden. Sie sprachen sich für ein "modernes" Theater. Das Theater in Schaffhausen hält tatsächlich am klassischen Schema fest und behielt die Form des alten Zuschauerraumes bei. Der wichtigste Grund dafür war die Furcht, die glänzende Akustik des alten Hauses zu verlieren. Der Aussenbau musste sich ausserdem unauffällig in das mittelalterliche Stadtbild einfügen. So wurde ein Bau geschaffen, der technisch den modernen Anforderungen entsprach, der aber äusserlich durchaus traditionell wirkt. Zur Eröffnung 1956 schrieb damals Kurt Bächtold in den Bodensee Heften: „War das Imthurneum aus dem Jahre 1864 das hochherzige Geschenk eines Bürgers, so ist das neue Stadttheater aus dem Willen des Volkes entstanden. Die Schaffhauser haben in ihrer grossen Mehrheit begriffen, dass die Stadt nicht allein Zentrum wirtschaftlichen Arbeitens und Tauschplatz materieller Güter sein darf, sondern dass sie sich selber und der Umgebung gegenüber kulturelle Pflichten zu erfüllen hat.“

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