Vom Waisenhaus zum Jugendheim an der Rosengasse

Bis ins 19. Jahrhundert waren die Waisenkinder in Schaffhausen praktisch ohne Erziehung bei schlechter Ernährung und Bekleidung im Spital und Armenhaus untergebracht.


Von Peter Scheck, Stadtarchivar


Nachdem im 18. Jahrhundert verschiedene Versuche von Privaten gescheitert waren, den elternlosen Kindern ein richtiges Zuhause zu schaffen, gelang der Schaffhauser Hülfsgesellschaft im Jahre 1822 endlich der durchschlagende Erfolg. Der Rat nahm die Vorschläge der Gesellschaft zustimmend entgegen, und am 7. Februar genehmigte der Grosse Rat die ausgearbeiteten Statuten für den Betrieb eines Waisenhauses. Die Waisenhausdirektion, wie der leitende Ausschuss der Hülfsgesellschaft jetzt genannt wurde, kaufte bereits fünf Tage später das Haus an der Rosengasse und liess es für den neuen Zweck umbauen.

Das Waisenhaus im Jahre 1879


(aus dem Neujahrsblatt der Hülfsgesellschaft in Zürich)


Schon am 4. Dezember konnten 24 Knaben und 12 Mädchen in das neue Heim einziehen. Geführt wurde das Waisenhaus anfänglich vom sogenannten Waisenvater und von seiner Frau. Ihm stand ein pädagogisch gebildeter Gehilfe zur Seite, während die Waisenmutter von zwei weiteren Frauen unterstützt wurde (Ein Knecht und eine Magd sowie ein Schneider und ein Schuster vervollständigten das Hauspersonal.
Den Anstrengungen von Waisenhauskommission und Behörde und dem starken Rückhalt in der Bevölkerung war zu verdanken, dass keine Kosten gescheut wurden. Es konnten bald ein Zeichnungslehrer, ein Französischlehrerin sowie ein Geistlicher für den Religionsunterrecht gewonnen werden. So ist nicht verwunderlich, dass sich aus der Waisenhausschule eine Musterschule entwickelte, die die übrigen Stadtschulen leistungsmässig weit überragte. Doch schon nach 35 Jahren musste sich die Schule den Zeitströmungen beugen. Trotz dem zähen Widerstand der Direktion wurde die Waisenhausschule aufgehoben, und die Kinder wurden in die öffentlichen Schulen geschickt. In dieser Zeit wurde auch die Hülfsgesellschaft ihrer Aufgabe entbunden und die Oberaufsicht über das Waisenhaus der städtischen Behörde übertragen.
In den ersten hundert Jahren, bis 1922, hatten hier insgesamt 766 Kinder für kürzere oder. längere Zeit ein Zuhause gefunden. Bis zur heutigen Zeit wird sich die Zahl um einiges vergrössert haben. Mehrmals mussten die baulichen Verhältnisse den sich ändernden Bedürfnissen angepasst werden. Eine erste grosse Renovation unter dem Hausvater Beck erfolgte im Jahre 1895. Eine zweite grosse Anpassung konnte in den vierziger Jahren realisiert werden, indem Schlafsäle, Küche und sanitäre Einrichtungen modernisiert wurden. 

Das Waisenhaus nach dem grossen Umbau

Aber auch im pädagogischen Bereich wurde mit der Entwicklung Schritt gehalten. Der Bericht des Heimleiterpaares Pfalzgraf (1980-1994) enthält zwar folgende Schlussbemerkung: Die meisten ehemaligen Waisenhäuser in den Kantonshauptstädten bestehen nicht mehr und mussten anderen Bauvorhaben weichen. In Schaffhausen jedoch werden noch immer ununterbrochen seit 175 Jahren im gleichen Gebäude Kinder betreut. Anhand der räumlichen Gegebenheiten, besonders im oberen Stockwerk, ist die Entwicklung innerhalb der Heimerziehung sehr gut zu erkennen. Aus den ehemaligen Schlafsälen im Nordflügel für Mädchen und im Südflügel für Knaben sind gemütliche, fast ausschliesslich als Einerzimmer genutzte Räume entstanden. Doch die Zeiten ändern sich rasch, und vieles ruft heute bereits nach besseren Lösungen.